Die Ungerechtigkeit der Welt

Eine Nikolausgeschichte von Kurt Franz

Lang, lang ist´s her. Und zwar so lang, dass man sich einst gar nicht vorstellen konnte, dass in Zukunft die beiden Eingangsworte einmal der Name eines der größten Pianisten der Gegenwart sein würde. Lang Lang wählte sich also offenbar einen Namen, der im Deutschen auf eine dauerhafte Wirkung hinweist. Lang soll er leben!

Ich habe die nun folgende Nikolaus Geschichte im Lauf der Jahre bei freundschaftlichen Treffen immer wieder erzählt, aber leider auch immer wieder vergessen. Und erst jetzt habe ich den Impuls bekommen, sie endlich auch aufzuschreiben, damit sie nicht verloren geht, diese ungewöhnliche Nikolaus Geschichte, die seinerzeit unser Söhnchen produziert und inszeniert hat. Unser Töchterchen war damals drei Jahre alt und somit zwei Jahre jünger als ihr Bruder. Fünf Jahre alt war also damals unser kleiner Held.

Endlich kam der von allen Kindern sehnsüchtig erwartete Nikolaus Tag herbei, und mit Anbruch der Dämmerung wurde es schließlich ernst. Jeder, der in unseren Kulturbreiten aufgewachsen ist, weiß ja, dass der Heilige Nikolaus die braven Kinder beschenkt an seinem ganz besonderen Tag im Jahr, die schlimmen aber nicht. Die schlimmen Kinder bekommen aber nicht nur nichts von ihm, sondern sie werden auch noch durch den so genannten Krampus (https://de.wikipedia.org/wiki/Krampus) erschreckt und bedroht, als Warnung nämlich, damit sie sich endlich wieder besserten. Und wenn sie nicht besser werden sollten durch diese erste schauderhafte Warnung, dann würde er sie nämlich einmal abholen und mitnehmen in die Hölle, von wo er ja herkommt. Und diese Absicht erkannte man ganz deutlich auf den ersten Blick, da er eine „Bucklkraxn“ (im bayrischen auch ", die er auf dem Rücken trug, ja schon mithatte, wo hinein er dann die schlimmen Kinder stecken würde.

Die Kinder erleben also ein Angst-Szenario als Erziehungsmethode schlechthin, bei dem aber nicht nur die schlimmen Kinder erschreckt werden, sondern gleich alle, damit auch die braven künftig nicht auf dumme Gedanken kommen. Gut und Böse, symbolisiert durch den Heiligen Nikolaus sowie dem bösen Krampus, werden im gleichzeitigen Auftritt direkt und eindrücklich erlebt. Schön und prächtig der Nikolaus - und zerlumpt, verwachsen und hässlich der Krampus. Ein Wink mit dem Zaunpfahl also, ohne Rücksicht auf Verluste, damit man nicht zum Bösen abrutscht, denn dann wäre man ja verloren. Kein Wunder, dass bis heute die Ansichten über diese radikale Erziehungsmethode weit auseinander gehen.

Wie dem auch sei, die Kinder wünschen sich jedes Jahr den Nikolaus trotzdem immer noch herbei, fürchten den Krampus aber wie die Pest, den zwar der Heilige Nikolaus im Handgepäck sozusagen immer mit sich führt, der ihm aber aufs Wort gehorchen muss. Und nur, wenn der Nikolaus es ausdrücklich will, lässt er den Krampus los, und erst dann kann er gefährlich werden. Die einzige Chance, den Krampus überhaupt nicht zu Gesicht zu bekommen, ist ja, ihn nicht ins Haus hineinzulassen, sodass er dann nur vor dem Haus sein Unwesen treiben kann, tief kuhglockenlärmend und fürchterlich kettenrasselnd, sodass es auch den Erwachsenen Angst und bang wird.

*

Unsere Kinder erwarteten damals natürlich schon voll Ungeduld den Nikolaus und waren auch darüber informiert worden, dass der Krampus nicht hereindürfe, womit aus ihrer Sicht das Allerschlimmste wohl abgewiesen worden war. Sie saßen nun aufgeregt im Wohnzimmer mit ausgestreckten Beinchen und angelehnt an die Rückenlehne auf der Couch, und sie waren noch so klein, dass die Füße der ausgestreckten Beine nur bis zum Beginn der Sitzfläche reichten.

Nachdem ich den Nikolaus vor der Haustür über die Verhaltensweisen unserer Kinder instruiert hatte, schritt er würdevoll herein und nahm im Wohnzimmer in all seiner Pracht Aufstellung, in dem schon alle Familienmitglieder Platz genommen hatten, auch Oma und Opa, die ebenso in unserem Zweifamilienhaus wohnten. Mit verstellter, tiefer Stimme und langsam und betont sprechend, - denn er war ja ein guter Bekannter, - fing er zunächst an, die positiven Seiten der Kinder zu erwähnen. Aber allzu viel kommt da ja nicht zusammen, nicht wahr, da sie ja noch nahezu alles zu lernen hatten im Leben, und lernen heißt eben auch, Fehler zu machen, denn erst aus Fehlern wird man klug. „Schlimm sein“ ist also überhaupt erst eine Grundvoraussetzung für die Höherentwicklung. Das Schlimme dabei ist nur, dass manche eben beim Schlimm sein bleiben wollen und auf die Höherentwicklung pfeifen.

Nach den üblichen Floskeln über das brave Verhalten der Kinder, kam dann das so genannte Negative an die Reihe. Bei unserem Töchterchen war er ja gleich durch, denn was soll man einer Dreijährigen auch schon vorwerfen? Aber das war schon der erste Fehler in den Augen ihres Bruders, denn es gab sehr wohl etwas, was man ihr vorwerfen konnte, etwas sehr Gravierendes nämlich auch noch in seinen Augen. Er konnte nämlich schon die kompliziertesten Legohäuser zusammenbauen, nach Plan auch noch, und er baute tagelang und begeistert an diesen Modellen, bis er die oft riesigen Gebäude dann fertig hatte.

Die Dreijährige konnte das natürlich noch nicht. Und kaum hatte er uns Eltern stolz sein großartiges Ergebnis gezeigt, wartete sie nur auf eine günstige Gelegenheit, um dieses überflüssige Zeug, das nur viel Platz wegnahm im gemeinsamen Kinderzimmer, zu vernichten. Und das machte sie mit totaler Begeisterung. - Das war also diese große Ungerechtigkeit, die unserem kleinen Sohn widerfuhr.

Aber es gab noch etwas, was ihn auch schon sehr störte. Nämlich, dass auch manche Erwachsene „schlimm“ waren, dafür zwar auch ausgeschimpft wurden, aber nicht bestraft, das war der gravierende Unterschied. Die Erwachsenen wurden zum Beispiel nicht mit Fernsehverbot für eine Woche belangt, unglaublich! Das hatte er längst mitbekommen. Zum Beispiel beim Opa. Wie oft hatte die Oma zu ihm schon gesagt, er solle nicht so viel Bier trinken, nicht wahr? Er folgte aber nicht und trank weiter sein Bier. Und er bekam nie ein Fernsehverbot dafür! - Dass er aber doch ein Verbot bekam, wusste unser Sohn damals natürlich noch nicht. Denn das Verbot für den Opa war das quasi Omaverbot für eine Woche!

Damit haben wir jetzt die beiden markantesten Ungerechtigkeiten festgehalten, von denen unser Sohn geplagt wurde. Nun sind wir aber schon kurz vor dem Reizwort angelangt, das dann der Nikolaus ausgesprochen und das den Fünfjährigen dann auf die Palme gebracht hat, und zwar mit voller Vehemenz. Das Reizwort war, - man vermutet es ja gar nicht, weil es so harmlos klingt, - er solle nicht so viel mit seiner Schwester streiten. Weiter nichts. Er solle nicht so viel mit seiner Schwester streiten. Ich hab das dem Nikolaus gesagt, damit er auch etwas Negatives erwähnen kann über unseren Sohn. Denn sich einmal weigern, abends das Zähneputzen zu erledigen, ist ja wohl kaum der Rede wert, und das hat der Nikolaus als erstes ja auch schon erwähnt. Er solle also nicht so viel mit seiner Schwester streiten, sagte nun der Nikolaus. - Aber unser kleiner Sohn fing ja nicht zu streiten an, sondern sie. Sie! Da sie ihm immer seine Bauten zerstörte! Er war also völlig unschuldig!

*

 

Kaum hatte der Nikolaus diesen Satz ausgesprochen, war es bei unserem Sohn blitzartig vorbei mit dem geduldigen Ertragen der Ungerechtigkeiten, und er entschloss sich nun, heftig dagegen zu protestieren und tat es auch. Aber gegen welche der beiden Ungerechtigkeiten würde er sich denn entscheiden? Und wie würde er es ausdrücken? - Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde hat er sich dann für die Sache mit dem Opa entschieden, weil er wohl davon überzeugt gewesen sein musste, diese schneller und treffender ausdrücken zu können bei seinem Protest, weil der Sachverhalt vielleicht etwas weniger kompliziert war.

Zuerst sprang nun unser Söhnchen wutentbrannt von der Couch herunter, stellte sich dann mutig vor den Nikolaus hin – als ob der keinen Krampus vor der Tür stehen gehabt hätte, und der Opa war auch anwesend! – stampfte anschließend mit einem Fuß zornig in den Boden hinein, ballte dabei die Fäuste und sagte zunächst einmal laut, gebieterisch und majestätisch: „Hm!“ - Was als Ankündigung des Häuptlings zu verstehen war, dass nun eine alles entscheidende Erkenntnis ausgesprochen werden würde, die die Gerechtigkeit der Welt wiederherstellte.

Nach einer kleinen Pause, in der er offensichtlich seinen Satz gedanklich ausformulierte, - dass er nämlich hier nicht der allein Schuldige sei, der anzuklagen wäre, - hob er seinen rechten Arm, damit dieser ihn schwungvoll und bekräftigend unterstützen solle bei seiner Aussage, schwang ihn und schmetterte dabei die folgenden Worte dem Nikolaus und uns allen entgegen, die exakt lauteten: - „Und der Opa geht immer in den Keller und trinkt so viel Bier!“

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