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Widersprüchliche Gefühle

Eine Weihnachtsgeschichte von Melanie Häde
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Widersprüchliche Gefühle

Eine Weihnachtsgeschichte von Melanie Häde nach unten

 

Widersprüchliche Gefühle

Weihnachten bedeutet vor allem Freude, und das nicht nur für die Kleinen. Wir freuen uns auf die Geschenke, das Zusammensein mit der Familie, das köstliche Festmahl vor der Bescherung. Doch auch das Fest der Liebe kann uns nicht vor Schicksalsschlägen bewahren. Wie zu Weihnachten 2003, denn damals starb Oli.

Am 23. Dezember habe ich es erfahren. Ich kam von der Arbeit heim, und meine Mutter fing mich im Flur ab, als ich gerade Jacke und Schuhe auszog. Ich war guter Laune, da ich zwischen Weihnachten und Neujahr frei haben sollte und für den Abend einen Restaurantbesuch mit meinem damaligen Freund Andy geplant hatte.

Mit trauriger, schleppender Stimme erzählte meine Mutter, dass Oli an diesem Tag gestorben sei.

Oli war unser Nachbar. Wir wohnten seit vierzehn Jahren im gleichen Haus, einem zwölf Parteien  umfassenden Hochhaus. Oli, seine Frau Birgit und deren Kinder Eve und Rick, waren gute Freunde von uns. Oli kannte ich vor allem als unternehmenslustigen und extrovertierten Kerl. Er war liebevoll und loyal seiner Familie und seinen Freunden gegenüber, und das ist es doch, was einen Menschen ausmacht.

Es geschah im Skiurlaub. Ich glaube, sie waren im Defereggental. Auf jeden Fall waren sie in Österreich und dort, oder besser gesagt dort auf der Piste, ist es passiert. Oli und Birgit stiegen aus dem Lift. Die beiden schnallten ihre Skier an und wollten losfahren. In Wahrheit fuhr aber nur Birgit los. Oli kippte um und war nicht mehr ansprechbar. Rick war währenddessen mit einer Gruppe Jugendlicher auf einer anderen Piste unterwegs. Eve, die gerade zum ersten Mal Mutter geworden war, war ohnehin nicht mit in Österreich, sondern war daheim geblieben.

Da man auf der Piste nun mal nicht Hand in Hand und für gewöhnlich auch nicht nebeneinander fährt, hatte Birgit zunächst nicht bemerkt, dass ihr Mann fehlte. Erst unten am Lift fiel ihr seine Abwesenheit auf. Eine fremde Frau hatte geistesgegenwärtig den Notruf gewählt und so wurde ein Hubschrauber geschickt, der Oli und die inzwischen wieder anwesende Birgit in ein Krankenhaus transportierte. Ich vermag es kaum, mir Birgit´s Schock auszumalen, als sie mit dem Lift wieder oben ankam.

Oli hatte ein Aneurysma. Das ist eine Erweiterung der Arterien im Gehirn, glaube ich. Ich habe natürlich kein medizinisches Fachwissen, doch nachdem ich jede Staffel „Greys Anatomy“ in- und auswendig kenne, vermute ich, dass sein Aneurysma rupturiert ist. So kam es zu einer Hirnblutung, der er noch am selben Tag erlag.

An Heiligen Abend kamen mein Bruder Andreas und seine Frau Silvia zur verabredeten Zeit,  um 16:30 Uhr, zu uns. Es war jedes Jahr das Gleiche. Die gleiche Uhrzeit, der gleiche Ort, das gleiche Essen, der gleiche Ablauf. So wird es auch dieses Jahr sein, denn wir alle lieben es.

Das Weihnachtsessen, das bei uns bloß aus Schnitzel mit Champignonsoße und Beilagen bestand, war bereits fertig und duftete herrlich. Gerade als die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Wald verschwanden, sahen wir, wie Birgit und Rick auf den Garagenhof fuhren. Sie kehrten in eine leere, kalte Wohnung zurück. Kein Weihnachtsbaum war da, der die Dunkelheit zu erhellen vermochte. Kein Weihnachtsschmaus wartete darauf, ihre hungrigen Mägen zu füllen. Falls sie überhaupt so etwas wie Hunger oder Appetit verspürten.

Wir aßen, spülten und dann machten wir es uns im Wohnzimmer gemütlich. Allerdings kürzten wir die Bescherung ab, was bedeutete, dass sich jeder sofort die für ihn bestimmten Geschenke raussuchte und auspackte. Der Abend fand somit ein frühes Ende.

Ich kann nicht behaupten, dass dieser Heilige Abend nicht schön gewesen wäre. Im Kreise seiner Liebsten zu sein, sich gemeinsam zu beschenken und Freude über Geschenktes zu erleben, ist und bleibt ein schönes Erlebnis. Und trotz aller Trauer herrschte in unserem Wohnzimmer Gemütlichkeit und Geborgenheit, und das ist es, was am meisten Kraft spendet. Jedenfalls empfinde ich es so.

Doch genau aus diesem Grunde haben meine Eltern damals beschlossen, nach der Bescherung zu Birgit hinauf zu gehen, um für sie da zu sein. Und das taten sie dann auch.

Ich legte mich in mein Bett und schaute mir das Video „Herr der Ringe – Die Gefährten“ an, das ich von Andy geschenkt bekommen hatte. Ich war noch immer schockiert, weil Oli einfach aus unserem und vor allem aus seinem Leben gerissen wurde, ohne Vorwarnung oder Begründung. Da Eve und Rick ungefähr in meinem Alter sind, wurde mir durch diese Situation zum ersten Mal quälend bewusst, wie schnell das Leben sich wenden kann. Im einen Moment ist alles toll und man kann es kaum erwarten, dass Weihnachten ist und man die Geschenke erhält, die man sich gewünscht hat. Im nächsten Moment öffnet sich ein Abgrund in deinem Leben und vergessen ist jede Freude, jeder Wunsch nach materiellen Dingen. Man wünscht sich nichts sehnlicher, als die Zeit zurück drehen zu können, um zu ändern, was passiert ist, und muss plötzlich schmerzlich erkennen, dass es nie einen Weg zurück geben wird.

Ich litt mit ihnen. Doch mein Herz war auch mit Wärme erfüllt. Ich war stolz auf meine Eltern, weil sie Birgit beistanden. Weil sie ihren eigenen Heiligen Abend opferten, um einer Freundin zu zeigen, dass sie nicht alleine war. Weil sie mit ihr litten und ihr Geborgenheit schenkten. In diesem Moment fühlte ich mich meinen Eltern näher denn je, auch wenn sie gerade nicht bei mir waren. Irgendwann mitten im Film schlief ich ein, traurig und glücklich zugleich.

Am nächsten Morgen gingen wir alle in den Weihnachtsgottesdienst. Kaum jemand aus der Gemeinde wusste bisher Bescheid. Und als der Gemeindevorsteher zum Altar ging, um der Gemeinde den „Heimgang“ Oli´s zu verkünden, versuchte ich, die Tränen krampfhaft zurück zu halten. Kurz darauf begann der Gottesdienst, wie üblich mit einem Lied. Wir sangen „Stille Nacht, heilige Nacht“ und ich kann mir bis heute kein Lied vorstellen, das an diesem Tag grausamer und schöner zugleich gewesen wäre.

Wochen vergingen und aus Wochen wurden mittlerweile Jahre. Und noch heute denke ich, wenn ich „Stille Nacht, heilige Nacht“ höre, automatisch an meinen Nachbarn Oli und verspüre einen kurzen Stich.

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