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Auf der Suche nach dem Glück

Eine Weihnachtsgeschichte von Dodo Wallner
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Auf der Suche nach dem Glück

Eine Weihnachtsgeschichte von Dodo Wallner nach unten

Auf der Suche nach dem Glück

„Geliebte Jane!“ las sie und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. Die blassblaue Füllfeder-Schrift ihrer Mutter war erstaunlich klar trotz ihrer 83 Jahre. Sie hatte das schwarze Buch auf dem Schoss liegen und blickte kopfschüttelnd auf die erste Umschlagseite, wo ihre Mutter ein Extra-Blatt eingeklebt hatte: ein Brief an Jane.

Nun war es also wieder zurückgekommen, das vor drei Monaten an ihre Mutter verschenkte Einschreibe-Buch mit 80 leeren Seiten - sorgfältig in Seidenpapier mit Tannenwipfel-Muster eingepackt. Mit dem Unterschied, dass die Seiten beschrieben waren und der Umschlag etwas zerfleddert.

Sie las weiter: „Jetzt sind achtzig Tage vergangen, seit du mir dein eigenartiges Projekt vorgeschlagen hast. Ich habe jeden Tag auf einer Seite meine Erlebnisse, die durch deine Idee entstanden sind, niedergeschrieben.

Jane konnte es nicht glauben. War das ihre Mutter, die Frau, die ständig über ihre Einsamkeit jammerte, die zynisch und pessimistisch in die Welt sah? Die an keinem ein gutes Haar lassen konnte? Sie las weiter auf der nächsten Seite, dem ersten Blatt des Buches. In der rechten oberen Ecke stand Freitag, 4. Oktober, darunter bloß zwei Zeilen: „Jane, ich mag dein Projekt nicht. Aber ich werde es durchziehen. Weil ich nicht mehr weiss, was ich sonst tun sollte. Mir wird die Zeit zu lang. Ich habe heute jemanden gesucht, den ich glücklich machen kann. Leider niemanden gefunden.“

Jane blätterte um. Samstag, 5. Oktober:

Wieder ein Tag. Bin, für meine Verhältnisse, sehr weit spazieren gegangen. Noch immer niemanden gefunden, den ich glücklich machen kann.

Dienstag, 8. Oktober:

Warum macht mich keiner glücklich? Dieses Projekt ist anstrengend. Ich gehe schlafen.

Mittwoch, 9. Oktober:

Ich ging durch die Stadt und fand eine Menge Menschen mit unglücklichen Gesichtern. Keine Lösung in Sicht. Ich trinke ein Glas Wein. Gute Nacht.

Freitag, 18. Oktober:

Das unbegabte Kind der Nachbarn war wieder hier und versuchte, ein paar Töne auf meinem Klavier zu treffen. Ich dachte nach, ob ich wenigstens dieses Mädchen glücklich machen könnte und lobte es über die Maßen und erzählte ihm von seiner blendenden Zukunft als gefeierte Pianistin. Ich schmückte die Erzählung aus mit Konzertreisen in alle möglichen Städte der Welt, mit einem Riesenpublikum, das ständig applaudiert und Rosensträuße auf die Bühne wirft... Das Mädchen lächelte und in seinen Augen lachte - tatsächlich! - das Glück.

Donnerstag, 24. Oktober:

Wieder begann der Tag einsam. Doch er endete nicht so. Ich entschloss mich, einfach jemanden im Park anzusprechen und von meinem Projekt zu erzählen. Ein älterer Herr fütterte die Enten und sah so friedlich aus, dass ich all meinen Mut zusammennahm und ihn ansprach. Er sah mich amüsiert an und meinte, es wäre lange her, dass ihn jemand gefragt hätte, was ihn glücklich machen würde. Er dachte lange nach, rieb sein Ohrläppchen und lud mich schließlich zu einer Tasse Kaffee ein. Wir haben lange geplaudert und am Ende beschlossen, das Projekt gemeinsam anzugehen. Er findet es toll - und will dich kennen lernen. Das geht aber nicht, denn „mein Projekt“ erzähle ich dir nur, wenn es nicht scheitert. Schauen wir also, wie alles weiterläuft.

Montag, 28. Oktober:

Heute war es einfach. Ein Bettler stand vor dem Supermarkt. Ich gab ihm einen Schein und einen kleinen Sack mit Lebensmitteln. Er strahlte und sagte: „Danke, das ist sehr großzügig von ihnen.“ Und als ich ihm sagte „Danken sie meiner Tochter“ fragte er, wie du heißt. „Jane“, sagte ich, „Jane heißt sie.“ „Danke, Mama Jane“, sagte er.

Dienstag, 29. Oktober:

Der Bettler stand heute wieder da. Ich beschloss, ihm jeden Tag zumindest eine Münze zu geben. Er ist sehr freundlich und nennt mich nun „Mama Jane“. Ich bin heute mit Leopold, so heißt der ältere Herr, den ich vorgestern kennenlernte, durch den Park gegangen und wir haben nach jemandem Ausschau gehalten, der etwas Glück vertragen könnte. Eigentlich haben wir viele gefunden, aber wir wussten nicht recht, wie und wo wir anfangen sollten, ohne uns zu blamieren. So landeten wir schließlich in einer Kirche, wo wir fragten, ob wir helfen könnten und sofort waren wir zum ‚Dienst‘ eingeteilt. Wir verteilen Suppe! Jane, stell dir vor! Hier sind viele Leute, die nichts haben, die fast alles verloren haben und dankbar sind für etwas Anteilnahme und eine helfende Hand. Ich bin ja noch rüstig genug und habe mit Leopold vereinbart, dass wir beide nun alle zwei Tage hier mithelfen. Wir waren nachher noch im Café und haben stundenlang darüber geredet.

Jane hielt inne, sah auf und blickte auf den Weihnachtsbaum, der bereits fertig geschmückt im Wohnzimmer stand. Das war unglaublich. Nie hätte sie gedacht, dass ihre Mutter das Projekt derart ernst nehmen würde.

Sie überflog Seite um Seite, blieb mal und mal da an einer besonders schönen Stelle hängen und vergaß darüber die Zeit.

Sonntag, 1. Dezember:

Habe mich heute mit einer Serbin unterhalten, deren Söhne im Bürgerkrieg umkamen und die ihre Arbeit verloren hat. Ich versuche, ihr zu helfen und mit dem Pfarrer zu reden. Vielleicht kann er ihr eine neue Stellung verschaffen.

Habe ich heute jemanden glücklich gemacht? Da bin ich sicher.

Montag, 16. Dezember:

Leopold ist in die Wohnung gegenüber eingezogen. Wir sehen einander jeden Tag - ohne lange Wegstrecken! Ich half heute in der Ballettschule für Kinder im Souterrain aus. Die Besitzerin hatte einen dringenden Weg. Sie meinte, ich wäre ihr Glücksengel und sie sei sehr glücklich darüber. Das war ja einfach heute.

Samstag, 21. Dezember:

Leopold wird den Weihnachtsabend mit mir verbringen. Wir gehen gemeinsam Suppe austeilen und dann zu mir. Endlich wieder ein richtiger, wenn auch winziger Weihnachtsbaum. Wie schön!

Montag, 23. Dezember:

Meine letzte Eintragung heute auf der achtzigsten und letzten Seite: „Geliebte Jane, heute werde ich dir ‚dein‘ Buch wiedergeben, aber das ‚80+ neue Freunde‘-Projekt nicht beenden. Solange mich meine Füße tragen, werde ich mit Leopold daran arbeiten. Sei umarmt, deine Mama Jane.“

Jane schloss das Buch und legte es vorsichtig unter den Weihnachtsbaum. Was für ein Geschenk, flüsterte sie und ging in die Küche, um den Weihnachtspunsch vorzubereiten. Die Luft roch nach Zimt und Orangen - und ein bisschen nach Glück.

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