Schmucki | Foto: Kristina Franz

Die Sonntagskatze

Eine Weihnachtsgeschichte von Kurt Franz
Schmucki | Foto: Kristina Franz

Die Sonntagskatze

Eine Weihnachtsgeschichte von Kurt Franz

Die Sonntagskatze

Eine junge, recht zarte und auch sehr hübsche, getigerte Katze hatte sich an einem Sonntagvormittag in die Wiese vor unserer Terrasse hingelegt und drehte dann den Kopf sofort zur mir her, als sie mich bemerkte, wie ich aus meinem Arbeitszimmer trat. Sie schaute mich eingehend prüfend und durchdringend an, verharrte dabei aber weiterhin ruhig und bewegungslos, und rannte auch nicht weg, nachdem ich mich ihr langsam ungefähr bis auf zweieinhalb Meter genähert hatte. Freilich trennte uns das schmiedeeiserne Terrassengeländer, durch das wir beide hindurchschauten und das nach obenhin die saftig-grüne Weinhecke trug, die auch schon viele groß entwickelte Weintrauben unter den dicht wachsenden Blättern versteckte; und anscheinend war der Katze auch völlig bewusst, dass ich wegen des Geländers nicht so schnell eine Gefahr für sie hätte werden können.

Und während ich überlegte, welchem von unseren Nachbarn sie wohl gehörte, betrachtete ich ihr Gesichtchen, das ähnlich war dem Gesichtsausdruck unserer leider schon verstorbenen Katze, die auch eine getigerte gewesen ist.

Die Gesichter ähnelten sich zwar, waren aber doch grundverschieden. Ich bemerkte nun bei genauerer Betrachtung, dass das Gesicht dieser Katze, die uns an diesem Sonntag besuchte, einen männlichen Ausdruck hatte mit einem leicht strengen Anstrich, während unsere verstorbene Katze ein Weibchen war und ein sehr weiches und formvollendet liebliches Gesicht gehabt hat, das immer zum Verlieben gewesen ist.

Nachdem ich mich vorsichtig und geräuschlos, rückwärtsgehend auf unsere Terrassenbank hingesetzt hatte, redete ich sie leise an: Mutzi, Mutzi, Mutzi. - Mutzi, Mutzi, - Mutz, Mutz, Mutz. Auch dabei rannte sie nicht weg und benahm sich weiterhin souverän so, als läge sie auf ihrem eigenen Hab und Gut, und ich wäre nur ihr geduldeter Gutsverwalter.

Ja, das hätte es früher nicht gegeben, als unsere Katze noch gelebt hat, denn sie hätte diesen Eindringling, der so unbekümmert hier aufgetaucht ist, längst schon, und zwar aufs Höchste erregt und überaus wütend, fauchend davongejagt. Und als Abschluss ihrer herrschaftlichen Aktion hätte sie ihr auch noch einen fürchterlich klingenden akustischen Schuss hinterdrein geschickt, der immer wie ein „Kchchchchch!“ geklungen hat. Denn Katzen dulden keine Konkurrenz in ihrem Revier, weder fremde Männchen, - die Brunftzeit ausgenommen, - und schon gar nicht fremde Weibchen. Die überhaupt nicht. Ja, so ist das bei Katzen.

Genau eine Woche vor einem Heiligen Abend ist sie dann durch den Eingriff des Tierarztes von uns gegangen, sie konnte nicht mehr essen und auch nicht mehr trinken. An diesem Tag ist sie somit hinübergewechselt in die geistige Welt, in die Gruppenseele der Katzen nämlich, in diesen mächtigen, geistigen Gürtel, der um die Erde schwebt und Heimat ist aller Katzen, und aus der sie einmal wieder herausgeboren werden wird, um erneut ein Leben auf der Erde zu verbringen. So erfolgt es ja auch mit den Mäusen, Hunden, Pferden, Elefanten, Löwen und so weiter, mit allen Tieren.

Unsere Katze, von der hier die Rede ist und die wir Schnucki genannt haben, wurde 18 Jahre alt. Es gab vor einigen Jahren auch noch zwei andere Katzen bei uns, die eine Zeitlang gleichzeitig mit Schnucki und uns zusammengelebt haben, sodass wir damals eine Dreiergemeinschaft von Katzen gehabt haben, von denen es auch wunderbare Geschichten zu erzählen gibt, die aber erst niederzuschreiben wären.

Eineinhalb Jahre vor ihrem Tod wäre unsere Schnucki beinahe schon gestorben, weil sie an einem sehr heißen Sommertag unter das Dach unserer Garage gestiegen war, wo es ungefähr 80 Grad Hitze gegeben hatte. Das verursachte einen Hitzekoller bei ihr, und sie war auch ganz ausgetrocknet dadurch und hatte kaum mehr Flüssigkeit im Körper. Der Tierarzt rettete sie zwar, aber dann stellte sich heraus, dass sie nicht mehr geradeaus gehen konnte, sondern nur mehr im Kreis, der nur einen kleinen Durchmesser umfasste, nämlich ungefähr einen halben Meter.

Schnucki | Foto: Kristina Franz

Sie hob also die Pfote, ging los, kam aber nicht vorwärts, da sie mit ihrem Rechtsdrall ja sofort nach rechts wegtriftete und nach einigen Schritten wieder bei ihrem Ausgangspunkt angekommen war, ohne aber vorwärts gekommen zu sein. Sie war also nur kurz im Kreis gegangen und hat diese Tragik auch sofort begriffen. „Das gibt es nicht“, hat sie gedacht, „das ist mir doch noch nie passiert. Wie ist das nur möglich?“ Denn genau diese Gedanken, die sie gehabt hat, konnte man aus ihrem Gesichtsausdruck ablesen. Dann probierte sie es ein zweites Mal, wieder dasselbe. Legte daraufhin eine etwas längere Pause ein, - intelligent wie sie war, - und probierte es das dritte Mal. Wieder dasselbe.

Nun, für uns war diese Misere ja nicht ganz so schlimm, weil bewältigbar, denn wir stellten alles Nötige immer ganz in ihre Nähe hin, und auf diese Art funktionierte dann ihr Alltag.

Nach einigen Tagen fiel mir dann auf, dass sie ihren Kreisrundgang sofort beendete und ihn nicht mehr zu Ende führte, sobald sie gemerkt hatte, dass er sich unvermeidbar wieder durchzusetzen begann, dieser Kreis. Sie blieb dann stehen und ging nicht mehr weiter, aus Trotz. So, als wollte sie uns ihr Missgeschick und ihre Hilflosigkeit nicht mehr zeigen, weil es ihr einfach unendlich peinlich war. Sie probierte es zwar jeden Tag aufs Neue, aber wenn der Kreis nach zwei, drei Schritten wieder eingeschlagen war, blieb sie stehen und ging nicht mehr weiter.

Nach ungefähr einer Woche ließ dann der starke Rechtsdrall aber auf einmal nach und halbierte sich etwa in seiner Auswirkung. Das heißt, der Kreis, den sie zwar weiterhin beschreiten musste, wurde nun größer, weil sie jetzt so in halbdiagonaler Richtung schon weiter nach vorwärts gehen konnte. Immerhin. Bis dann allerdings ein Hindernis kam, das durch ihre eingeschränkte Halbkreis-Vorwärtsbewegung ja natürlich unvermeidbar war und deshalb ihr Vorwärtsschreiten wieder beendete, denn ausweichen konnte sie ja nicht. Aber das war jetzt ja nicht mehr so schlimm, denn dann hob ich sie auf und setzte sie eben woanders hin. Das Allerärgste war also überwunden.

Und sie erholte sich weiter, und eines Tages konnte sie tatsächlich wieder völlig geradeaus gehen, und diese wieder hergestellte Mobilität, die man gewöhnlich so als Selbstverständlichkeit hinnimmt, beherrschte sie auch noch den Rest ihres Lebens, also noch sehr, sehr lange, nämlich intensive eineinhalb Jahre, so ist mir diese Zeitspanne unseres gemeinsamen Zusammenseins jedenfalls erschienen, die wir beide in sehr herzlicher Verbundenheit verbracht haben.
Man muss sich das folgende Ereignis nun lebhaft vorstellen: Auf einmal ging sie in meinem Arbeitszimmer schnurgerade etwa zwei Meter weit. Umwerfend! Sie erhob sich plötzlich vom Teppich, auf dem sie lag, ging diese zwei Meter schnurgerade, und legte sich dann wieder hin auf den Teppich.

Und das war nur eine Demonstration für mich allein, denn sie hatte kein bestimmtes Ziel, als sie losging, sie ging nämlich nicht zum Fressnapf oder zur Wasserschüssel oder zu ihrem Katzenklo, sondern nur, um mir zu zeigen, dass sie jetzt wieder geradeaus gehen konnte. Nur deshalb ist sie gegangen, und sie legte sich dann auch gleich wieder hin, um ihre Demonstration noch auffälliger erscheinen zu lassen. Und ließ mich dadurch natürlich erkennen, dass damit auch ihre Würde wiederhergestellt war.

Sie brauchte dann noch lange, bis sie sich vom Hitzekoller ganz erholt hatte. Eines Tages traute sie sich dann wieder aus dem Haus heraus und verbrachte schon einige Zeit im Freien. Wieder nach Wochen wagte sie sich wieder ein bisschen weiter vor und ging um die Hausecke. Nach einigen Monaten entfernte sie sich schon 20 Meter weit und legte sich wieder unter ihren Busch, dem Schneeball, der im Frühjahr immer üppig übersät ist mit weißen Schneebällen und während seiner Blütezeit immer viel Staunen, Lebensfreude und Frühlingslust verbreitet. Und immer begrüßte sie mich freundlich mit einem herzlichen Miau, wenn sie abends zurückkam.

Schnucki | Foto: Kristina Franz

Ihrer außergewöhnlichen Sanftheit, die sie neben ihrer natürlichen und notwendigen Raubtier-Wildheit entwickelt hat, und der faszinierenden Schönheit und Jugendlichkeit ihres Gesichtes, verdanke ich dann noch die tiefe Erkenntnis, die sie mir bei ihrem Abschied kurz vor Weihnachten übermittelt hat, die mir aber erst nach langem Nachdenken aufging bzw. die mir letzten Endes erst durch eine Eingebung vermittelt wurde. Mir war nämlich noch länger nicht klar, was die eigentliche Botschaft meiner Beobachtung an ihr gewesen ist.

Den dürren, alten Körper mit dem kleinen offenen Tumor am Rücken, den sie schon Jahrelang hatte und der beim Kämmen und Bürsten immer wieder aufbrach, aber auch gleich wieder verkrustete, und dem verfilzten Fell, das nur mühsam zu pflegen war, umrahmte ihre gesamte Wesenheit ein unbeschreiblich schönes, junges und eigentlich altersunabhängiges Gesicht, das den Eindruck von ewiger Schönheit erweckte, auch von unvergänglicher, liebevoller und göttlicher Geborgenheit, nach der wir uns eigentlich ja alle so sehr sehnen.

Und das war es, was die völlige Ergriffenheit in mir auslöste. Das war neben den vielen Erinnerungen an sie, die uns von ihr bleiben werden, das eigentliche Vermächtnis von ihr bei diesem schmerzlichen Abschied, bei dem sie ihre Schönheit und wohl auch ihre Liebe zu mir hin ausgestrahlt hat eine Woche vor dem Heiligen Abend, dem Geburtstag des Christkinds, das uns ja die Nächstenliebe gebracht hat und mit ihr auch das ewige Leben nach unserem Tod, wenn wir uns zu seiner Lehre der Nächstenliebe bekennen.

Sie hat mir also indirekt erkennen lassen, dass hinter aller Liebe und Schönheit, die ja bereits unvergängliche Werte sind und von Gott selbst stammen, auch schon die Unsterblichkeit steht, die Befreiung vom irdischen Tod, wobei die Liebes- und Schönheitsfreuden, die uns der Himmel ja so oft schenkt, einerseits dazu da sind, damit wir uns am Leben erfreuen; und andererseits sollten sie aber wohl auch ein Ansporn sein, uns durch ständiges Bemühen selbst einmal zu diesem Liebes- und Schönheitsbereich hinauf zu entwickeln, der ja nicht von selbst entsteht, sondern wozu anstrengende Tätigkeiten und vor allem auch inspirierende Kreativität notwendig ist, die dann, nach erfolgter Anstrengung und wenn das Ziel erreicht worden ist, zu Zufriedenheit und zum Glücksempfinden führt. Allerdings tritt dann dieser Zustand immer nur relativ kurzfristig ein, wie wir nur zu gut wissen. Wobei dieses kurzfristige Glücksempfinden die negativen Verhältnisse, denen wir ausgeliefert sind, auch weitgehend ausschaltet. Aber ebenfalls nur für kurze Zeit.

Womit der logische Schluss eigentlich naheliegt: wenn wir einmal erreichen wollen, dass das glückbringende Leben in Zukunft dauerhaft in Erscheinung treten soll, dieses immerwährende Ereignis lebendiger Kreativität, die immer wieder und immer wieder ungeahnte und weiterführende Möglichkeiten im Reich der Ideen und der Musik hervorbringt, dann müssen wir uns nur dazu entschließen, die Lehre des Christkinds von der Nächstenliebe anzunehmen.

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