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Der Schokoladenmann

Eine Weihnachtsgeschichte von Steve Hoegener, 30 Jahre
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Der Schokoladenmann

Eine Weihnachtsgeschichte von Steve Hoegener, 30 Jahre nach unten

Der Schokoladenmann

Superman musste gerettet werden! Er war mit einer stählernen Klammer an einen Operationstisch mit Blinklichtern gefesselt, welcher im Labor eines wahnsinnigen Wissenschaftlers stand, der sich anschickte, die Weltherrschaft an sich zu reißen; und zwar mit Hilfe der Radiowellen seines Gedankenmanipulators. Und eine überraschende Helferin würde Superman aus der Gefangenschaft erlösen: eine entschlossene Lois Lane - den Namen fand Eduard damals sonderbar exotisch - schwang, in ein Superheldenkostüm mit knappem Faltenrock gekleidet, der ihre sportlichen Beine in der dynamischen Bewegung gänzlich enthüllte, mit nackten Armen und Lederhandschuhen eine Art eiserne Kugel im Kreise über ihrem Kopf. Unerhört! Diese Frau wollte er heiraten!

Das schwor Eduard sich, während er alleine auf der Holztreppe saß und an einem Stückchen Schokolade lutschte, das er sich für Weihnachten aufgespart hatte. Es schmolz schneller als gedacht, da er beim Umblättern nervös darauf herumkaute. Er versuchte nun also die süße, weiche Masse auf der Zunge zergehen zu lassen, um das allmähliche Sichauflösen der beglückenden Süße in seinem wässernden Mund so lang als irgend möglich zu retardieren. Das reine, zeitlose Glück, und die schmerzliche Leere danach! Eigentlich, erkannte er beim genauen Beschauen der Comicseite, war es ein kugelrundes Gerät aus dem Labor, das Lois da schwang und es würde, einmal losgelassen, schwupp die zwei blonden Bösewichte treffen, die in schwarze Trenchcoats gekleidet und mit Maschinenpistolen bewaffnet, wild schießend in das Labor des wahnsinnigen Genies hereinstürmten. Sie wollten - vergebens versteht sich - Supermans Befreiung vereiteln. Doch schon waren Tausende Radiohörer in Metropolis von der Technik des klumpfüßigen Doktors und seiner dadurch ins Unermessliche amplifizierten Beredsamkeit verzaubert, einer Art kollektivem Traumbild verfallen. Sie liefen durch sonnendurchflutete, blühende, ja reine Landschaften, gewandet in luftige Togen. Und mit verklärt in die Ferne ausgerichteten blauen Augen schritten sie Hand in Hand voran in eine sorgenfreie Zukunft, einer sich hypnotisch drehenden Sonne entgegen.

In diese wunderliche Welt war Eduard am 24. Dezember 1947 versunken, als sich die Haustür öffnete und ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung ging, der ihm nicht weniger traumhaft erschien. Die Tür mag den Leser an einen Weihnachtskalender erinnern, aber so schilderte Vater es. Die kalte Dezemberluft schien sogar einen morgenländischen Duft ins Haus und an die kleine Nase des Jungen zu tragen. Aber Erinnerungen sind wandelbar.

Die Superman-Geschichte konnte Eduard dank der Bilderfolge erraten. Er erzählte oft, dass er als Sechsjähriger ein spezielles Comicheftchen immer wieder gelesen hatte. Ja, dass er sich manchmal an Schultagen krank gestellt hätte, um im Bett liegen bleiben zu können und mit einer Tasse heißer Milch mit Honig, die ihm seine Mutter brachte, in Supermans Farbenuniversum einzutauchen. Lediglich die Namen konnte er lesen und so war seine Fantasie umso freier, denn vom Englischen kannte er nur geläufige Ausdrücke und rudimentäre Satzfetzen wie Hello, okay oder Tschwing gum und Zigarett, please!. Ausdrücke also, die er vor dem amerikanischen Feldlager gebrauchte, dessen olivgrüne Zelte auf dem Flugplatz vor der Stadt aufgerichtet worden waren. Auch Hands up! hatte er gehört, wenn bestimmte Leute von Amerikanern und Gendarmen aus ihren Häusern geholt wurden.

Diesen Comic nun, es war übrigens sein erster, hatte er zusammen mit einem Heft Amazing Stories von einem lächelnden G.I. zum Nikolaustag geschenkt bekommen, als er gerade Zigarettenstummel vom Bürgersteig auflas, um den unverbrannten Tabak herauszulösen und für seinen Großvater in einem kleinen Lederetui zu sammeln. All dies fiel mir wieder ein, als ich half, mein Elternhaus auszuräumen und unversehens auf die beiden Hefte stieß, die mit anderen Kindheitsschätzen meines Vaters (einige Glasmurmeln, drei Zinnsoldaten, ein Kinoticket für „Schneewittchen“) in einem hölzernen Zigarrenkasten lagen.

Mit dem Comic ist eine Weihnachtsgeschichte verbunden, die zu unwahrscheinlich ist, um wahr zu sein. Dennoch bewirkte die Geschichte, dass Weihnachten seitdem für meinen Vater eine andere Bedeutung gewann. Wirklich religiös war meine Familie sowieso nie. Man hatte zwar mit den Nachbarn geplant in die Mette zu gehen und danach sollte es Erbsensuppe und eine halbe Mettwurst geben. Aber es gab keinen Christbaum im Haus, keinen Weihnachtsschmuck, außer einer uralten Krippe mit den drei orientalischen Königen, einem Jesulein und einer Maria. Alles aus geschnitztem, bemalten Holz. Die Krippe erinnerte Eduard an ein ausgebombtes Haus; der Großvater meinte, es sei eine römische Ruine. Worauf Eduard mal gefragt hatte, wer denn die Römer ausgebombt habe. Die Kerzen im Haus waren eine Notwendigkeit, kein Kitsch. Das Haus, das man noch vor dem Krieg gekauft hatte, musste abbezahlt werden und Eduard hatte gesehen, wie die Mutter resolut zwei Männer aus dem Haus geworfen hatte, Schuldeneintreiber. In langen Mänteln stapften sie durch den schmutzigen Schnee davon und meinten, sie kämen im neuen Jahr wieder. Und mein Vater schwor sich, er würde ihnen Schneekugeln mit einem Kern aus Patronenhülsen entgegenschleudern, falls sie dies täten. In seiner Rachephantasie entfalteten diese eine explosive Wirkung. Tatsächlich bereitete er diese Geschosse mit kindlichem Ernst vor und lagerte sie zu Pyramiden gestapelt im Hinterhof.

Auf einem Foto, das ich fand, sieht man die Großmutter: eine entschlossene, junge Frau, die in Männerhosen und in einem Armeehemd, die Ärmel hochgekrempelt, vor einem Opel-LKW steht. Sie hatte einen Job als LKW-Fahrerin bei einem Gemüsehändler angenommen. Der Großvater, vormals Minenarbeiter in den Erzbergwerken, war ein tauber Pensionär; sonst konnte niemand Geld verdienen.

Es wundert also kaum, dass Eduard bei Superman Zuflucht suchte. Am 24. wurde er früh wach und setzte sich, um seinen Großvater, mit dem er das Zimmer teilte, nicht aufzuwecken, mit seinem Comic und dem Schokoladenstückchen in die Holztreppe des Hauses. So konnte er besser fliegen. Die Mutter schlief noch, sie hatte bis abends Waren in der Stadt ausgefahren. Und plötzlich stand ein hagerer Schatten in der Haustür. Kalte Luft umwehte ihn. Zögerliches Stapfen. Als er seinen grauen Schal abwickelte, stellte Eduard erschrocken, dann ungläubig, dann begeistert fest, was passiert war. Er stürmte augenblicklich zur Mutter ins Zimmer: „Ein Schokoladenmann!!! Da ist ein Schokoladenmann!“

Die Mutter schien ebenso erschrocken, sprang auf und die Treppen runter und stand. Stand atemlos. Reglos. Und biss dann wiederholt in den Schokoladenmann.

Es war Eduards braungebrannter Vater, der nach fünf Jahren Kriegsgefangenschaft aus Ägypten zurückgekehrt war. An diesem Weihnachtstag sah er ihn das erste Mal.

 

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