Der Weihnachtsmantel

Eine Weihnachtsgeschichte von Dodo Kresse, 42 Jahre
© Sandra Thiele - Fotolia.com

„Nähen Sie mir einen Mantel“, flüsterte ich, „einen Mantel, der mir allen Zweifel nimmt.“

„Einen Mantel?“ Joy, die Schneiderin, sah mich prüfend an.

„Ja, ich friere in letzter Zeit so grässlich“, sagte ich, „ich hatte einmal einen dunkelroten Samtmantel. Bei jedem wichtigen Ereignis war er dabei. Ich trug ihn, als ich erfuhr, dass ich eine Tochter bekommen sollte, als ich meine Doktorarbeit abgab und als ich meinen Mann Sebastian kennenlernte. Und eines Tages war er wie vom Erdboden verschluckt. Mit dem Mantel ist auch mein gewohntes Glück verschwunden. Mein Mann hat mich verlassen.“ Ich wunderte mich über die Klarheit in meiner Stimme. Ich fühlte mich seltsam wohl in dem luftigen Atelier, als wäre ich in einem Raum, in dem andere Gesetze gelten.

Ich sah aus dem großen Fenster des Schneiderateliers, die Dämmerung lag sanft über dem Garten. Der gelbliche Himmel verhieß Schnee. Ich dachte an Sebastian. In vier Wochen war der Scheidungstermin angesetzt. Kein Rosenkrieg, kein Drama, aber ein langanhaltender, tiefer Schmerz, der wuchs, statt zu verheilen. Wahrscheinlich hatte ich mich während meiner langjährigen Ehe etwas zu sehr an Sebastians Karriereweg angepasst und die Kinder zu sehr in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt. Joy holte mich in die Gegenwart zurück: „Sie werden genau den Mantel bekommen, den Sie verdienen, ich verspreche es.“ Drei Tage später erhielt ich eine SMS, ich möge zur ersten Anprobe kommen.

„Am besten Sie schließen ihre Augen während der Anprobe“, empfahl Joy, „die Augen verderben einem das sichere Urteil.“ Ich hatte auf dem Kleiderbügel, nach dem Joy nun griff, einen dunklen Schatten hängen sehen, harmlos, farblos fast. Doch kaum angezogen, füllten sich die Fäden mit Leben und begannen mit der ewigen Geschichte. „Das bist Du“, schienen sie zu flüstern. Ich war den Tränen nahe. Der Mantel umflatterte mich wie ein Himmel voller Möglichkeiten und gab mir die Gewissheit, ganz in mir selbst daheim zu sein. „Augen zulassen“, flüsterte Joy und nahm den Mantel wieder an sich. Als ich mich umdrehte, hing er wieder als farbloser Schatten auf dem Kleiderbügel. „Kommen Sie in vierzehn Tagen wieder“, sagte Joy, „dann ist er fertig.“ „Aber das wäre der 24. Dezember, Weihnachten“, antwortete ich. Joy lächelte: „Das Fest der Liebe, ja, ich weiss. Dann eben früher, ich schicke Ihnen ein SMS.“

Ich verließ das Atelier wie in Trance. Als ich in den neuen Mantel geschlüpft war, hatte ich gleichzeitig etwas Altes abgestreift, war es eine Überzeugung, ein Vorurteil, eine diffuse Lebensangst? Ich fühlte mich jedenfalls freier als in den letzten zehn Jahren. Was hatte Sebastian gesagt, als er ging - er bräuchte „Luft zum Atmen“? Nun, ich hoffte, dass es ihm gelingen würde. So wie mir gerade. Mein Schritt war leicht und froh.

Ich war überrascht, als er am Tag vor Weihnachten anrief und mich um ein Treffen bat, und noch dazu direkt am Weihnachtsabend. Am Vortag fuhr ich zu Joy. Ich hoffte, dass der Mantel auch ohne SMS schon fertig sei. Als ich beim Atelier ankam, war Joys Firmenschild abmontiert. Ich ging die Stiegen zur Eingangstür hinauf und versuchte, ins Atelier zu sehen: Spinnweben, keine Möbel. Der Raum wirkte, als stünde er seit Jahren leer. Ein Schauer lief über meinen Rücken. Unheimlich, dachte ich. Ich fuhr wieder heim und bereitete das Weihnachtsessen vor. Als ich am nächsten Abend mit Sebastian neben dem Christbaum saß, überreichte er mir ein Päckchen. „Für dich, Sabine“, sagt er sanft. Ich klappte den Deckel der Schachtel hoch und rief: „Das glaube ich jetzt nicht! Mein Mantel! Kein Zweifel, der Fleck am rechten Ärmel, der speckige Glanz am Saum. Wieso hast du meinen Mantel?“

„Es hört sich seltsam an“, sagte Sebastian, „ich habe vor einer Woche ein Päckchen ohne Absender erhalten. Darin war der Mantel, verpackt in dieses Geschenkpapier. Ich habe ihn ausgepackt und neben mir aufs Bett gelegt. Ich begann, lebhaft zu träumen. Und ich bekam Antworten. So wie diese: Wenn du etwas Wichtiges im Leben gefunden hast, dann bedeutet das nicht, dass man alles andere dafür aufgeben muss. Ja, ich will freier leben, voller Abenteuer, aber ich will das mit dir tun. Wollen wir nicht gemeinsam wieder freier atmen?“ Ich lächelte. Ich fühlte, als hätte Sebastian mir in diesem Moment bereits den wärmsten aller Mäntel um die Schultern gelegt: seine Liebe. „Frohe Weihnachten, Sabine“, sagte er und half mir in den Samt. Beim Überziehen bemerkte ich ein eingenähtes Etikett im Kragen. Ein helles Schild mit den gestickten Buchstaben: „J.o.y“.

 

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