Krisperls Christkindlbrief

Eine steirische Weihnachtsgeschichte aus alten Zeiten, die vermutlich von Sophie Tauber bzw. Vorerzählern stammt und von Kurt Franz bearbeitet wurde.
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Eine steirische Weihnachtsgeschichte aus alten Zeiten, die vermutlich von Sophie Tauber bzw. Vorerzählern stammt und von Kurt Franz bearbeitet wurde.
 
Vom Schulgang hatte der Krisperl ausnahmsweise seinen Schulsack mitgenommen, denn im Lesebuch lag eingepresst ein schönes Briefpapier, ein Bogen mit gepressten Blumen und darüber in roten Lettern der Wunsch: „Fröhliche Weihnachten!“ Krisperl hatte auch ein Kuvert dabei, eine neue Schreibfeder vom Peperl und sogar ein Tintenflascherl in der Tasche, das in einem zerbrechlichen Glas abgefüllt war. Krisperl ging daher sehr vorsichtig mit Rücksicht auf den höchst gefährlichen Gegenstand der Tinte in seinem Schulsack auf seinem Weg dahin, auch konnte man beim bedächtigen Gehen viel leichter über den Inhalt des Briefes nachdenken als beim Laufen. So war es schon spät vormittags geworden, und seine Mutter schüttelte bedenklich ihren Kopf, weil ihr sonst so pünktlicher Liebling heute so spät heim kam, aber sie fragte nicht; auch nicht, warum er dann den ganzen Tag so emsig schrieb.

Als Krisperl seinen Christkindlbrief beendet hatte, da war es auch schon spät nachmittags geworden, und die in dichter Menge fallenden Flocken hatten den schmalen Bergpfad schon vollständig zugedeckt; doch Krisperl kannte den Weg zum Dorf, den er nun gehen wollte. Er empfahl sich still von der Mutter, - sagte ihr also kein Wort - und wanderte los. Er war noch keine zweihundert Schritte gegangen, als vor Krisperl eine mächtige Gestalt auftauchte.

„Na, wohin denn?“ fuhr der Oberförster den Buben an, der so ganz in Gedanken versunken heranwatschelte und nichts um sich zu sehen schien.

„Zum Dorf geh i.“

„Nix mehr gehst jetzt zum Dorf, weil es schon finster wird, sondern zu mir gehst; meine Frau braucht dich heut nämlich so notwendig wie das Geld.“

„Ja, aber vorher renn i noch schnell ins Dorf und nachher kumm i glei.“

„Ja, Himmelkrutzitürken, was hast denn so dringend im Dorf zu tun?“

„I hob an Briaf aufzugeben, für den es schon höchste Zeit ist.“

„So, an Briaf willst aufgeben? Na, den kann ich ja auch mitnehmen. An wen hast ihn denn g´schrieben?“

Krisperl wurde rot über beide Ohren und dann sagte er verlegen: „Ans … ans Christkind!“

„Aha, ans Christkind. Na, den Brief kann ja ich besorgen, i hab mit dem Christkindl jetzt geschäftlich eh immer zu tun, wegen der Christbaumlieferungen, da komm ich in einer halben Stunde vielleicht schon zusammen mit ihm und dann kann ich ihm den Brief gleich persönlich übergeben.“

Nun huschte ein freudiges Lächeln über Krisperls Gesicht, denn nun war auch die Frankierungsfrage am besten erledigt.

 

* * *

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Im großen behaglichen Wohnzimmer des Oberförsters lag auf dem starken Ledersofa hingestreckt in nobler Weidmannstracht Baron Steinberg, der zu Gast war, ein alter Junggeselle, der die Jagd und auch den Wein liebte. Um den Gesang und das Weib hatte er sich nie viel gekümmert, weil ihm diese beiden Sachen zu geräuschvoll waren. Schon hatte die kleine Gretl, das Töchterchen des Oberförsters, die rotverhüllte Lampe dem hohen Gast auf den Tisch gestellt und einige uralte Zeitungen daneben hingelegt, zum Zeitvertreib, aber dieser gähnte und wälzte sich gelangweilt auf dem Sofa, bis die Tür aufgerissen wurde und mit dem kalten Luftstrom der Oberförster hereindrang.

„Langweilig, Baron?“ sagte er.

„Zum Krepieren langweilig. Gibt´s wenigstens Zeitungen?

„Nein, keine. Den Postwagen hat´s anscheinend eingeweht, der wird wohl erst spät ankommen.“

„Und sonst? Gibt´s sonst was Neues?

„Auch nicht … oder doch! Einen Brief hätt ich, der eigentlich dem Christkind gehört, aber inzwischen könnten Sie ihn ja einmal lesen!“

„Her damit!“

Und dann las der Baron:

 

Liebliches Christkindl!

Der Peperl hat gsagt, ich soll schreiben an dich, da bin ich aber aufgereckt, dass ich zitter am Leib, weil es ist der erste Brief, der von mir weggeht. Ich bitt dich, schau net auf die Feler, ich geh erst zwei Jahr schul, und da bin ich meist bei die Viecher, die ich treib. Ich will net einen eigenen Christbaum ham, da brauchst eh schon zu viel für die noblen Leut, und i hob eh mei libe Mutter und zwoa Goaßn, die mi gfreuen. Aber die Mutter hat zerlempati** Schuach, da schaun die Zechn aussi beim Kirchn gen. Du hast zwar selber kani Schuach, weil im Himmel ists gewiss warm, weil du näher bei der Sunn bist, und bei die Menschen schwebst du in der Luft, da ists net so nass wie bei der Mutter, wenns eini rinnt. Wenn Du also wo könntest eini Schuach finden, eini weiten, wegen der Mutter iri Gfrerballen***, da tät ich dir gut sein mei Leben lang und ministrirn gen in der heiligen Nacht, wenns a schneibt wie net gscheit. Ich für mi sag nix, aber wenn Du halt wo bei Dein Kram so ein alts Wagerl häst, so kuntest es bei die Schuach zuwistellen****, i spannert**** dann die junge Ziegn dazu zum Holzführen für die Mutter. Des is olls. Mei libs Christkindl, ich hab bei die Wörter oft ins Büchl gschaut, sei aber net harb******, wenn du vielleicht schon das neuche Büchl hast, der Peperl hats a, aber i hob nos olte.

Ich küss die hand und bleib Dein

Krisperl.

Adress: Krisperl Huber, Schulerbub auf der Hanleiten, Hausnummer 11.“

 

(Anmerkungen:

* Krisperl ist die Koseform von Krispin, die im Österreichischen auch heute noch da und dort im übertragenen Sinn die Bedeutung eines körperlich zarten, sensiblen, schwächlichen Buben hat, der sich aber nach Überwindung der Schwierigkeiten zum charakterlich starken und verlässlichen Menschen verwandelt,

**zerlumpte, ***Gefrierbeulen, Frostbeulen **** dazu stellen, *****ich würde einspannen, ******sei nicht beleidigt).

 

Da sprang der Baron vom Sofa und richtete sich auf. Die ganze unerträgliche Langeweile war ihm entschwunden.

„Dem Kind soll geholfen werden!“

***

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Der Christabend war gekommen. Droben auf der Hahnleiten kniete der Krisperl schon die längste Zeit in Angst und Aufregung hinten in der Tenne. Er hat sie fein ausgekehrt, die Haken zurückgeschoben, ein klein wenig geöffnet und mit Kreide an die Tür geschrieben: „Da hinein.“ – Denn irgendwo musste das Christkind ja Platz haben, die Schuhe hinzustellen, und eventuell auch das Wagerl, wer weiß. Denn in den Schnee durfte das Christkindl die Schuhe jedenfalls nicht stellen, da würden sie ja feucht und kalt werden, und die Mutter würde frieren beim Mettengehen.

Als es finster wurde, rief die Mutter den Krisperl zum Abendessen. Ein kleines Festmahl war es – Knödel und Kraut. Dass Krisperl fast nichts anrührte und nicht, wie sie erwartete, überrascht „Juchhe!“ rief und auf das Essen zustürzte, befremdete sie sehr und ließ die trübe Sorge in ihrem Herzen aufsteigen, dass am Ende Krisperl so gedrückt sei, weil er nach des Jahres reicher Arbeit nicht einmal einen Weihnachtsbaum habe. Der Lehrer hatte ihn zwar eingeladen, aber Krisperl hatte die Einladung dankend abgelehnt, weil er es nicht über sich gebracht hätte, seine liebe Mutter am Weihnachtsabend ganz allein im einsamen Häuschen zu lassen.

 

***

 

Doch was war das? Auf einmal war sanftes Schellengeklingel zu hören! Wer mochte hier zur steilen Höhe herauffahren? Das Schellengeklingel kam näher. Krisperl war es, als träumte er. Dann folgte eine lange, tiefe Stille, man hörte nichts. Die beiden legten die Löffel weg und regten sich auch nicht. Dann knarrte auf einmal die Vorhaustüre, ein Rauschen war im engen Flur zu hören, und durch die Türfugen drang Licht ins Zimmer.

„O Himmel!“ schrie Krisperls Mutter, nachdem sie aufgestanden war und die Zimmertür aufgerissen hatte. Im selben Augenblick kam es Krisperl vor, als zöge ihm jemand eine wollene Haube ganz übers Gesicht, wonach es finster wurde. Als er sich endlich ganz verwirrt auf den Kopf griff und den Schleier entfernte, der ihm den Ausblick verhüllte, sah er erstens sofort, dass es eine wirkliche, wollene, gestrickte Mütze war, die er in der Hand hielt - und fast gleichzeitig – zunächst völlig unfassbar für ihn – überwältigte ihn die Verwirklichung seines Traumes, der sich auf einmal vor ihm ausbreitete.

Krisperl und seine Mutter schauten nun lange und ganz gerührt auf den flimmernden Baum und die Dinge, die darunter lagen, während draußen das Schellengeläute immer leiser und leiser wurde und schließlich ganz verschwand. Zwei Augen aber, die Krisperl entgegenleuchteten, brachten ihn wieder zum Leben. Da lag neben den Sachen, etwas abseits vom Lichtermeer, ein mittelgroßer, braunzottiger Hund, der ein Täfelchen angehängt hatte, auf dem folgendes stand:

„Ich heiße Phylax und krieg mein Futter immer drunten im Forsthaus. Aber ich bin Dein Hund und helfe Dir Holz ziehen.“

„Phylax“, schrie Krisperl und fiel dem aufspringenden Hund um den Hals. Da bemerkte er, dass Phylax nicht frei war, sondern einen Schlitten angehängt hatte. Er bewunderte nun mit großen Augen den quicklebendigen Hund mit dem nagelneuen Schlitten, und dann spannte er den „armen Kerl“ aus, der dann mit ihm alle Dinge mitbewundern musste, die unter dem Baum lagen.

Großer Gott, da waren sie ja, die festen, genagelten Lederschuhe für die Mutter, und nebenan ein Paar warme Filzpatschen für sie und wollene Tücher und eine schwarze Sonntagsschürze und ein Kistchen mit Kaffee, Zucker, Fleisch und Guglhupf, und Bilderbücher für ihn und ein Lesebuch, ein neues, und Hefte und Stifte, und Stiefeln zum Kirchengehen und ein Röcklein für den Christtag, und eine Lederhose, und ein neuer Rucksack, und ein silberbeschlagener Almstock, und ein Häferl, worauf dick und deutlich „Krispin“ stand – das war er.

Und die Zuckersachen glänzten, und immer tiefer brannten die Kerzen herab. Da blies Krisperls Mutter eine nach der anderen aus, und ein wohliger Wachsduft erfüllte das Zimmer. Krisperl umarmte nun seine Mutter und weinte, weinte vor unsäglicher Freude und tiefinnerstem Glück. Da mahnte die Mutter, Krisperl möge zur Ruhe gehen, damit sie die Mette nicht versäumten. Beide knieten vor dem Muttergottesbild im Herrgottswinkel hin und dankten mit warmem Herzen für den Weihnachtssegen, und Phylax setzte sich zu ihnen. Dann legte sich Krisperl unter den Weihnachtsbaum, und neben ihm lag sein neuer Freund, den er immer wieder umfing und an sich presste.

Krisperls Wangen glühten, als die Mutter ihn weckte. Als beide vom Kirchgang heimkamen, glühten Krisperls Wangen noch mehr, und am Christtag ministrierte Krisperl nicht, und in der Försterei war niemand von der Hahnleiten gekommen, außer Phylax, diesen nahmen aber dann der Oberförster und der Baron Steinberg mit, denn sie wollten auf der Hahnleiten nach dem Rechten sehen.

Als sie dort ankamen, trafen sie den sonst so wackeren Krisperl im Bett an, und neben dem Bett stand sein Christbaum und alle seine Weihnachtsachen. Die Aufregung mit dem Brief an das Christkind, die Erkältung in der Tenne und darauf das große Weihnachtglück waren für den Krisperl zu viel gewesen und eine ernste Krankheit musste deshalb befürchtet werden.

Am Stephanitag brachte die Frau Oberförsterin den Doktor mit, und dieser konstatierte Nervenfieber. Noch nie hatte Krisperls Mutter auf der Hahnleiten so viele Menschen gesehen wie in den Wochen von Krisperls Krankheit. Alle Dorfbewohner kamen an den Sonntagsnachmittagen herauf, manche sogar an den Wochentagen, und ein jeder brachte dem Krisperl eine kleine Freude mit. Jetzt erst sah man, wie sehr das schwächliche Bürschlein vermisst wurde. In der Schule trauerte man, und die Gretl, das Töchterchen des Försters, hatte sich sogar eine Einschiebung beim Vaterunser erlaubt, indem sie immer betete: „Gib uns unser tägliches Brot - und mach den Krisperl wieder gesund.“

 

***

 

Seit jenen Tagen hat es nun schon zwanzigmal in der Christnacht zur Mette geläutet, und im Forsthaus sind die Menschen zahlreicher geworden. Denn Krisperl ist inzwischen Förster geworden, und die Gretl, die Tochter des Försters, war seine Frau, und auf dem alten Ledersofa rutschten nun die drei Kinder des Krisperls und der Gretl herum und machten einen Höllenlärm, denn in wenigen Stunden sollte das Christkind kommen. Und es kam dann tatsächlich wieder und hat wieder viel Freude und Segen zurückgelassen.

Da setzten sich alle zur rotverhüllten Lampe neben dem verlöschten Weihnachtsbaum, vier alte Menschen, der greise Förster, der bejahrte Baron Steinberg, der wieder zu Gast war, die beiden Mütter des jungen Paares und fünf junge Leute, Krispin mit seiner Gretl und ihren drei Kindern.

Nun stand der Baron auf, holte einen Brief aus seiner Rocktasche und zeigte ihn allen. Er hatte gepresste Blumen darauf und war mit roter Schrift verfasst. Es war Krisperls Weihnachtsbrief, den er vor zwanzig Jahren geschrieben hatte, der dann zum Grundstein des Glückes vieler Menschen geworden ist, und worin der Wunsch zu lesen war: „Fröhliche Weihnachten!“

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