Wie Weihnachten mein Leben verändert hat

Eine Weihnachtsgeschichte von Astrid Grohmann-Heckl, 39 Jahre
© Alexandr Vasilyev - Fotolia.com

Diese Geschichte ist so einfach und so unglaublich, wie das Leben selbst.

Alle sind da: Die Mutter, der Vater, die Schwester, der Bruder. Es ist warm und kuschelig auf der großen Couch. Ich wickle meinen dicken Bauch in die neue Schafwolldecke und genieße mit meiner Familie die Ruhe nach einem wunderschönen Weihnachtsabend. Am dunklen Holztisch brennen die Kerzen, die Augen glänzen im flackernden Kaminfeuer, das Wohnzimmer duftet nach Weihnachten, draußen tanzen die ersten Schneeflocken.

Mein Mann kommt die Treppe herunter. Er berichtet, dass unser Sohn ruhig eingeschlafen ist und vermutlich von seinen neuen Geschenken träumt. Er ist gerade zwei Jahre alt geworden. Und immer wieder erzähle ich seine Geschichte: Am 24. Dezember bin ich mit ihm vom Krankenhaus nach Hause gekommen. Ich habe das Zuhause bestmöglich für unseren neugeborenen Sohn eingerichtet und die Weihnachtsvorbereitungen nicht einmal wahrgenommen.

Erschöpft von den ersten Trinkversuchen und von seiner neuen Umgebung schlief er den ganzen Tag. Er verschlief das Weihnachtessen, er verschlief die Bescherung, doch als dann alle am Abend vor dem Weihnachtsbaum standen, öffnete er die Augen und schaute neugierig in die flackernden Lichter. Mit Freudentränen in den Augen sangen wir die Weihnachtslieder und ich habe ihre tiefe Bedeutung erstmals verstanden. Dieses Weihnachten werde ich nie vergessen.

Wieder erzähle ich meiner Familie dieses schöne Erlebnis und halte die Hand auf meinen Bauch. Und so als ob es das kleine Wesen verstanden hätte, dass es schon Teil dieser Familie ist, antwortet sie mit sanften Bewegungen. „Ja, also wenn es jetzt los gehen sollte, das wäre schon in Ordnung,“ sage ich vor mich hin. Auch ihr Geburtstermin war erst für Anfang Januar berechnet worden.

Wir lassen den Abend Revue passieren und schließlich verabschieden sich meine lieben Gäste und während ich noch eine Weile auf der Couch sitze und die weihnachtliche Stimmung genieße. Da beginnt es unangenehm zu zwicken. Vielleicht hätte ich doch auf den letzten Keks verzichten sollen oder mir nicht so viel herrliche Räucherforelle auf den Teller häufen sollen. Doch wenige Minuten später wird es zur Gewissheit, das Zwicken wird zum Ziehen. Es sind nicht die Weihnachtskekse. Wenige Minuten später fährt der Schmerz wieder durch meinen Körper und ich spüre, dass die Wehen begonnen haben.

Ich muss meine Hebamme verständigen. Jemanden um ein Uhr früh anzurufen fällt schwer, mitten in der Weihnachtsnacht zum Telefon zu greifen, nicht etwa um Frohe Weihnachten zu wünschen, so etwas macht man nicht. Doch der nächste Wehenschub kündigt mir die Ernsthaftigkeit der Lage an.

Mein Mann holt die Mutter zurück und auch die Hebamme beantwortet müde meinen Anruf. Ob es nicht vielleicht doch noch etwas dauern könnte, fragt sie, als ich ihr nicht mehr antworten kann, wissen alle, wir müssen schnell ins Krankenhaus.

Dort angekommen wünsche ich den Schwestern Frohe Weihnachten, die vermutlich lieber noch weiter geruht hätten und wenig begeistert antworteten. Nach den ersten Untersuchungen lande ich sofort im Kreissaal - mit Zittern, Übelkeit und den unvorstellbaren Schmerzen einer Geburt. Ich glaube es nicht auszuhalten und will nur noch nach Hause gehen, auf meiner Couch sitzen in meine Schafwolldecke gewickelt. Ich habe solche Angst. Wie in langen beruhigenden Mantras versucht die Hebamme zwischen den Presswehen mich zu beruhigen. Meine Yogaatmung, die optimale Positionen, alles ist vergessen, es gibt nur noch Schmerz und Angst. Schließlich gibt sie ihr gutes Zureden auf und sagt, dann bekommst du dein Kind eben mit Angst.

Und wie ein Wunder stößt sich das Köpfchen durch und wenige Augenblicke später halte ich das kleine Wesen in meinen Armen. Ich fühle die faltige Haut auf meinem Körper und höre die ersten Atemzüge. Ich spüre ihren Herzschlag an meinem und atme tief ihren wunderbaren Duft ein, besser als alle Tannenbäume, Zimstangen und Vanillekipferln zusammen.

Mein Mann ist inzwischen nach Hause gefahren und wird unseren Sohn mit den Worten wecken: „Du hast heute Nacht ein Schwesterchen bekommen.“ Die Tränen laufen mir übers Gesicht, während sich draußen sanft der Himmel orange färbt und den Weihnachtsmorgen ankündigt.

Langsam beginne ich zu begreifen - das ist das Wunder des Lebens – das ist Weihnachten.

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