Weihnachten 1996

Eine Weihnachtsgeschichte von Albert Anton Althofer, 64 Jahre
Foto: © jorisvo - Fotolia.com

Eigentlich wollten wir die Weihnachtstage in den Bergen verbringen. Gemeinsam mit Tochter und Schwiegersohn und Enkelkind. Zwei Zimmer in einer kleinen Pension im Dachsteingebiet waren bereits reserviert. Weil sich der kleine Daniel, unser Enkelsohn, aber eine ziemlich schwere Erkältung zuzog, die sich hartnäckig hielt und ihn mit 40 Grad Fieber ans Bett fesselte, riefen wir am 22. Dezember die Gastwirtin an, die sich verständnisvoll zeigte und eine Stornierung akzeptierte. Weil wir Weihnachten aber unbedingt mit unseren Kindern gemeinsam feiern wollten, ging es am 24. Dezember zwar nicht in die Berge, dafür aber in aller Herrgottsfrüh schon mit dem Zug Richtung Frankfurt, wo unsere drei Liebsten seit zwei Jahren in einem kleinen Häuschen am Main im Ortsteil Sindlingen lebten.

Am frühen Nachmittag dieses 24. Dezember 1996 kamen wir in der deutschen Banken- und Wirtschaftsmetropole an, in der nichts an das erhoffte winterliche Weihnachten in den Bergen erinnerte. Trüb war alles. Das Land in einen dichten feuchten Nebel gehüllt. Die Stadt unter einer Dunstglocke gefangen. Trotzdem lachten unsere Herzen, als Daniela uns am Bahnhof abholte und drückte und herzte. Mehr als ein halbes Jahr war es her, dass wir unsere Tochter zuletzt gesehen hatten.

Der Weihnachtsabend war still, beschaulich, ruhig. Wohl weil der kleine Daniel ziemlich geschwächt war und nicht, wie gewohnt, herumtobte und Oma und Opa in Besitz nahm und dies und jenes wissen wollte und „mehr, mehr“ und „noch mal, noch mal“ forderte. Nach der Bescherung und dem Auspacken der Geschenke legte er sich wieder in sein Bett, ich las ihm eine Geschichte vor und noch bevor sie endete, schlief er tief und fest.

Kurz vor Mitternacht machten meine Frau, unsere Tochter und ich uns auf, die Christmette in der eine Straßenkreuzung weiter liegenden Evangelischen Kirche zu besuchen. Unser Schwiegersohn blieb zu Hause und wachte über den kleinen Daniel.

Trotz des trüben Dezemberwetters herrschte in der kleinen grauen Steinkirche eine feierliche Weihnachtsstimmung. Der geschmückte Baum, die Weihnachtskrippe mit den großen, holzgeschnitzten Figuren, die vielen Kerzen, das Spiel des Organisten: der Heilige Abend, die Heilige Nacht hätte auch in den Bergen nicht schöner sein können. Die Bänke in der Kirche waren gut gefüllt, die Augen der Menschen leuchteten, und mit Inbrunst und Hingabe kam das Lied „Es ist ein Ros’ entsprungen“ aus den Herzen und Kehlen der Kirchgänger.

Und dann plötzlich ein ohrenbetäubender Knall. Und noch einer. Eine Explosion, die nicht nur die Trommelfelle der Friedenssuchenden durchschlug und zerstörte, sondern auch die Leiber beutelte und durch die Gegend warf. Zuerst ein Augenblick der völligen Stille, in der nur der Knall der Explosion weiter durch die Kirche hallte. Dann erste Schreie, ein Wimmern da und dort, verzweifeltes Weinen. Die graue Kirche hatte sich in eine Kirche des Grauens verwandelt. Zerrissene Liederbücher, geborstene Fenstergläser, Teile der Holzbänke über die ganze Kirche verstreut. Dazwischen verletzte Menschen, liegend und kriechend und röchelnd. Oder laut um Hilfe schreiend. Und Menschen, die sich nicht mehr rührten, nur mehr dalagen, in Blutlachen.

In dieser Heiligen Nacht haben meine Frau, meine Tochter, mein Schwiegersohn und ich kein Auge zu gemacht. Still, das Geschehene nicht glauben könnend, saßen wir da und fragten uns, was das wohl war. Und hatten Radio und Fernseher aufgedreht, um zu erfahren, was in der Evangelischen Kirche von Sindlingen während der Christmette 1996 geschah. Es dauerte lange, bis die Meldungen sich zu einem Bild zusammenfügten. Und noch länger dauerte es, bis wir das Geschehene begreifen konnten. Wahrscheinlich können wir das heute noch nicht.

In dieser Christnacht des 24. Dezember 1996 hatte eine geistig verwirrte Frau während der Weihnachtsmette in der Evangelischen Kirche von Sindlingen mit zwei Handgranaten, die sie zündete, nicht nur sich selbst umgebracht, sondern auch zwei weitere Menschen mit in den Tod gerissen und zahlreiche andere schwer verletzt. Diese Frau, Heidrun J., achtundvierzig Jahre alt, kehrte zu dieser Tat an ihren Heimatort zurück, wo sich ihr Sohn vor mehr als zehn Jahren vor einen Zug warf und sich so das Leben nahm.

Meine Frau, meine Tochter und ich hatten Glück, wir wurden nicht verletzt in dieser Weihnachtsnacht des 24. Dezember 1996. Zumindest nicht äußerlich. Aber Spuren hat diese Weihnachtsnacht alle mal hinterlassen. Bei uns allen. Und Weihnachten seither war niemals mehr so, wie Weihnachten zuvor war. Und wird es auch nie wieder so sein. Auch wenn wir Weihnachten in den verschneiten Bergen verbringen. Und auch wenn der kleine Daniel –  der in der Zwischenzeit ein erwachsener Mann ist, aber Weihnachten trotzdem noch mit seiner Familie feiert – am Weihnachtsabend kerngesund ist.

 

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