Weiche Weihnacht

Eine Weihnachtsgeschichte von Sternschnuppe, 20 Jahre
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Dicke weiße Flocken sanken sanft auf die Dächer der menschenleeren Stadt. Hinter den warm beleuchteten Fenstern, in welchen Kerzen und kleine Lichterketten die bevorstehenden Feierlichkeiten ankündigten, versammelte man sich zur heiligen Messe. Wie Watte überzog der weiche Pulverschnee die funkelnden Weihnachtsbäume. Es war eine wahrlich stille Nacht.

Während ich durch den Schnee stapfte, waren das Knirschen meiner Stiefel im Schnee und die kleinen Atemwölkchen, welche sich im Schein der Laternen bildeten, meine einzigen Begleiter. Die Stadt war mir fremd, und dennoch schienen an diesem Abend alle Menschen, egal ob an diesem oder jedem anderen Ort, gleich zu sein.

Dieses friedliche Gefühl berührte mich, auch wenn ich mich selbst einsam und verloren fühlte. Da waren keine Freunde und auch keine Familie, die dieses Jahr auf mich warteten. Kein Festtagsessen und auch keine gemeinsame Bescherung. Lediglich zwei einsame Pakete unter der kleinen Nordmanntanne in der neuen Diele. Selbstmitleid statt Selbstlosigkeit dominierten meine Gedanken, so als würde ich die eigentliche Bedeutung dieses Abends nicht kennen. So wandelte ich verloren durch die azurblaue Nacht.

Als ich an einer dunklen Gasse entlang, ging vernahm ich plötzlich ein gequältes Fiepen. Zuerst erschrak ich, doch dann bewegte mich die Neugierde dazu, tiefer in den schmalen Gang zu schleichen. Das Geräusch verstummte. Ich lauschte noch eine Weile, dann wandte ich mich zum Gehen. Wahrscheinlich, so dachte ich, hausen hier nur ein paar Mäuse, denen es genau so kalt ist wie mir. Bei dem Gedanken musste ich lächeln.

Doch dann ertönte das Fiepen lauter und gequälter als zuvor, und dies keinen Meter von mir entfernt. Das Geräusch kam offensichtlich aus einem Berg von Kartonagen, die jemand achtlos in eine Ecke geworfen hatte. Ich streckte meine Hand vorsichtig nach einer schon gräulichen Kiste aus, in welcher ich das Wesen vermutete. Was sich darin befand, ließ mich scharf einatmen. Ich staunte nicht schlecht, als ich dort ein kleines schwarzes Häufchen Fell erblickte. Bebend und zitternd vor Kälte atmete es nur flach. Ich zog meinen Handschuh aus und legte das kleine Kätzchen in meine warme Hand, schob es unter die Daunenjacke und rannte nun, so schnell ich konnte, durch die wirbelnden Schneeflocken. Ein paar Familien in dicken Jacken und Mützen sahen mir erstaunt nach, als hätten sie so viel Hast an Weihnachten noch nie gesehen. 

Es dauerte Stunden, bis ich das kleine Tier soweit aufgewärmt hatte, dass es etwas von der warmen Milch trank. Als es Mitternacht schlug und die Christmetten langsam endeten, schlief das kleine Weihnachtswunder friedlich auf meinem Schoß. Ich blickte durch das festlich geschmückte Zimmer, und als mein Blick über den Weihnachtsbaum schweifte, unter welchem die ungeöffneten Geschenke lagen, musste ich lächeln. Was brauchte ich an diesem Tag noch Weihnachtsgeschenke, hatte ich das schönste doch schon bekommen.

So kam es, dass ich ein Leben rettete, und die Weihnachtsnacht mir dafür das eines neuen Freundes schenkte. Den ersten Freund in der Fremde. Und während in den Fenstern die Lichter langsam erloschen, saß ich noch lange da und strich über weiches schwarzes Fell.

 

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