Uhr ohne Zeiger

Eine Weihnachtsgeschichte von Peter Suska-Zerbes, 59 Jahre
© Andrey Armyagov - Fotolia.com

Ein Blick durch die Dachluke auf die Kirche. Dünne Nebelschwaden wabern unwirklich um den Turm, aber dennoch sind die Konturen klar zu erkennen. Ein alltäglicher Anblick… und doch, irgendwie seltsam, fremd, unvertraut.

Aber wieso?

Die Uhr? Ja, die Uhr. Sie hat keine Zeiger!

Keine Zeiger?

Plötzlich fangen alle Glocken zu läuten an; zuerst leise, verhalten, als wenn sie niemanden stören wollen, dann immer lauter, so als ob sie sich meinem kleinen Dachzimmer nähern würden, bis sie direkt neben mir ihr Geläut aufdringlich von sich geben.

Ich schrecke auf: Es ist mein alter Wecker, der diesem sonderbaren Traum ein Ende macht.

„Ohne Zeiger?“, sinne ich noch etwas verschlafen.

Aber wieso?

Selten muss ich auf diese Weise geweckt werden, weil ich stets zur gleichen Zeit aufwache, wenn ich überhaupt das Glück habe, nicht die ganze Nacht grübelnd wach liegen zu müssen: Fünf Uhr!

Wieder ein Tag.

Am Anfang – es war bereits gute vier Jahre her - hatte ich meine Arbeitslosigkeit nicht verstehen, nicht hinnehmen können. Fünf Jahre Heimleiter und dann… Ich wehrte mich dagegen, kämpfte entschlossen vor Gericht und… ich verlor. „Nicht zuständig“, hieß es.

Inzwischen fand ich mich damit ab, aber erst nach jahrelangem, vergeblichen Suchen nach einer neuen Arbeit und der schmerzlichen Erfahrung, dass die Aussicht als über 55-Jähriger eine neue Stelle zu finden, ungefähr so wahrscheinlich ist wie Badewetter am heutigen Nikolaustag.

Wie immer schaue ich aus der Dachluke… wie in meinem Traum. Nichts als eine trübe allgäuische Landschaft, die sich nur vage unter einem Vollmondhimmel abhebt. Niedergeschlagen lausche ich dem ständigen Tropfen des Regens auf dem Dach.

Wieder ein Tag.

Irgendwo draußen im Nebel ahne ich meine kleine, verlassene Welt mehr als dass ich sie wirklich wahrnehme. Mein Gedankenkarussell kreist.

Wieder ein Tag.

Ich hätte gleich liegenbleiben sollen, besteht mein Leben doch nur noch aus Warten: Warten auf das Frühstück. Warten auf das Mittagessen. Warten auf das Abendessen. Warten auf... auf was genau?

Zeit hat im düsteren Einerlei dieses trostlosen Alltags keine Bedeutung. Die Kirchturmuhr ohne Zeiger? Unendlich viel Zeit, die aufgehört hat, Bedeutung zu haben.

Wieder ein Tag.

Hier oben in meiner Einsamkeit fehlt mir die regelmäßige Arbeit im Heim, dessen Leiter ich war. Ich sehne mich nach einer Aufgabe, die meinem Leben wieder eine Bedeutung gibt.

Was macht es für einen Sinn, um fünf Uhr in der Früh aufzustehen, wenn es nichts zu tun gibt, als zu lauern, dass die endlos dahin kriechenden Stunden verrinnen?

Ich starre auf die vergilbten Fotos an der Wand. Erinnerungen an glücklichere, erfolgreichere Tage. Lange her, dass sie Trost brachten.

Ein scheues, trauriges Lächeln huscht über mein Gesicht, als mein Blick auf das Nikolausgewand fällt. Hausbesuche für ein paar Euro.

Besser als nichts.

Wochenlang schrieb ich an einer Weihnachtsgeschichte, um sie vorzulesen. Meine erste Geschichte! Ich fand eine wirkliche Aufgabe darin, sie immer wieder zu verbessern, mir immer wieder selbst vorzulesen. Immer wieder.

Meine nicht gerade selbstbewussten Auftritte am Vortag gingen trotzdem völlig daneben. Das hätte ich mir fast denken können. Es ging schief, wie inzwischen fast alles in meinem jetzigen Leben.

Erinnerungen des Vortags huschen durch meinen Kopf: Der aufsässige Junge hatte mich gegen das Schienbein getreten: „Das ist eine blöde Geschichte. Du bist nur verkleidet..."

Die anderen Besuche waren auch nicht viel besser gelaufen. Ich stotterte, als ich meine Geschichte las. Niemand zeigte sich wirklich interessiert.

***

Ziellos schlurfe ich am Abend als Nikolaus durch die Stadt, weiß eigentlich gar nicht, wieso ich auf den Gedanken kam, denn für heute hatte ich keine Aufträge. Mit einem Mal ängstigt mich der Gedanke, in die Einsamkeit meiner Mansarde zurückkehren zu müssen.

Was will ich auch da?

Niedergeschlagen setze ich mich auf eine kalte Bank, starre verdrossen vor mich hin. Ich hab´s satt!

„Entschuldigung", spricht mich unvermittelt eine männliche Stimme an. Ich schaue abweisend auf. Vor mir steht ein Mann, der fast mein Spiegelbild sein könnte. Auch er trägt ein Nikolauskostüm. Die Augen des Mannes funkeln mich schelmisch an. Wahrscheinlich ganz anders als meine eigenen Augen, die wahrscheinlich wie zwei zugefrorene Seen düster in ihren Höhlen liegen.

„Unter Kollegen, du hättest nicht ein paar Minuten Zeit? (Er sagt tatsächlich „du“) Ich habe etwas zu viele Aufträge. Du könntest nicht ...?"

„Was?", belle ich aufgeschreckt aus meinen finsteren Gedanken, stehe abrupt auf, schaue mich verunsichert um. Nichts wie weg!

Die Leute gehen an uns vorbei, als wenn wir nicht da wären. Mein Gegenüber scheint wenig beeindruckt von meiner abweisenden Haltung, wiederholt nur ruhig seine Bitte.

Ich versuche den Mann abzuwimmeln: Glaub mir, ich bin wirklich kein guter Nikolaus.“

„Wird schon gut gehen“, versichert der Fremde, als ich mich bereits abwende, um einfach wegzugehen. Als ich unschlüssig stehenbleibe, versucht er es erneut: „Die Kinder werden froh sein. Du machst das schon. Bestimmt!“

„Du meinst wirklich?“, frage ich verunsichert, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll.

„Klar! Ich könnte mir keinen Besseren vorstellen.“ Der andere klingt überzeugt, selbstsicher.

„Also gut", gebe ich zögernd nach.

„Schön… wusste gleich, dass du der Richtige bist.“

Ich höre nicht weiter hin, sondern breche gleich zu der Adresse auf, die der Mann mir in die Hand drückte. Schon nach einigen Schritten, tut mir mein Nachgeben bereits leid. Als ich mich umdrehe, um den Zettel wieder zurückzugeben, ist der andere Nikolaus bereits verschwunden.

Dieses Mal zahlen sich meine wochenlangen Proben mit meiner Geschichte aus. Die drei Kinder und ihre Mutter sind begeistert. Ich lasse mich sogar überreden, meine Weihnachtsgeschichte noch einmal vorzulesen.

Meine erste gelungene Geschichte! Nie fühlte ich mich so glücklich.

Nach zwei Tassen Kinderpunsch stehe ich entschlossen auf. „Ich muss gehen", brumme ich hörbar bewegt vom eigenen Erfolg.

An der Tür fragt mich die Mutter: „Was bin ich Ihnen schuldig?"

„Nichts, gar nichts!“, winke ich ab. Dann drehe ich mich um, gehe ruhig und festen Schrittes davon.

„Kommen Sie bitte bald wieder!“, rufen Kinder und Mutter hinter mir her. „Und bringen sie uns eine neue Geschichte mit!“

Ich wende mich um, rufe zurück: „Klar! Die nächsten Tage.“

Ich fand keine Arbeit, aber ich schreibe Geschichten.

Die Uhr hat wieder Zeiger.

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