Weihnachten am Titicacasee

Eine Weihnachtsgeschichte von Erika Schuh, 39 Jahre
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Ich bin seit drei Monaten in Peru. Fast ebensolang habe ich als Freiwillige gearbeitet. Am Weihnachtstag buche ich einen Ausflug mit Übernachtung auf der Insel Amantani. Ganz authentisch soll das Fest im Haus von Einheimischen gefeiert werden. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter mache ich mich auf den Weg zum höchstgelegenen schiffbaren See dieser Welt. Der Lago de Titicaca liegt in 3810m Höhe und hat eine Ausdehnung so groß wie Korsika. Lange hatte ich davon geträumt, diesen Flecken Erde zu erkunden.

Unsere Gruppe geht an Bord. Ich erklimme das obere Deck. Mit Fleecejacke und Haube trotze ich den kalten Temperaturen. Das Wasser im See ist dunkel, geheimnisvoll und unbeweglich. Das Spiel der Wolken spiegelt sich darin. Schilf ragt aus den Tiefen. Ringsum hüten sanfte Hügel das Juwel. Scharf zeichnen sich ihre Linien an der Wasseroberfläche ab. Langsam bewegt sich die Fähre über den See. Das Firmament malt die schönsten Bilder. Ein Hauch von Frieden umgibt diese Welt.

Die Insel liegt zwei Stunden von Uros entfernt. Geduldig scheint die Sonne auf die weißen Wolkenschwaden und unsere Häupter. Das Blau des Sees begeistert das Auge. Die Plaudereien mit den Menschen aus aller Herren Länder das Gemüt. Chiaky war aus Japan gekommen, Isabella aus England, Kim aus den Niederlanden, Dinel aus Frankreich, Roberto und Juan aus Argentinien. Die illustre Runde spricht in allen erdenklichen Sprachen.

Auf der Insel werden die Gäste mit Liedern begrüßt. Die Einnahmen aus dem Tourismus dienen dem Gemeinwohl und werden für Bildung und Kultur verwendet. Eine Familie wird für mich und meine Freunde ausgewählt. Señor Nestor, ein kleiner Mann von siebzig Jahren, bringt uns zu dem bescheidenen Anwesen. Das Haus ist mit türkiser und rosa Farbe angemalt. Schafe blöken auf der Weide. Vögel zwitschern. In den Gärten lugt frisches Gemüse aus der Erde. Mit Isabella und Chiaky teile ich ein Zimmer. Kim und Dinel quartieren sich nebenan ein. Auf den hohen Betten liegen viele Decken für die kalten Nächte. Es gibt Strom auf der Insel, aber keinen Empfang für Mobiltelefone.

In der finsteren Küche wird an einer offenen Feuerstelle gekocht. Der Essraum befindet sich im neuen Gebäude. Wir werden zum Mittagessen gerufen. Die Hausfrau serviert Gemüsesuppe, gebratenen Käse mit Kartoffeln und Reis. Der Ehemann hilft mit und spricht freundliche Worte. Der kleine Edison isst mit seinem Großvater am Tisch nebenan. Dankbarkeit erfüllt die kleine Stube.

Am Nachmittag wandert die Gruppe zur Inkastätte Pachapata in gut 4000m Höhe. Sie birgt den Tempel Vater Erde. Unweit des Standortes befindet sich Pachamama, seine weibliche Entsprechung. Ich erklimme den Hügel in Begleitung von Roberto inmitten tiefsinniger Gespräche. Oben angekommen empfängt uns ein beeindruckendes Panorama der umliegenden Landschaft. Am Horizont zeichnen sich schneebedeckte Gipfel ab. Sonnenbeschienene Hügel umfangen den See. Den Himmel zieren geheimnisvolle Wolkenbilder. Ich umrunde den Tempel dreimal. Auf diese Weise sollen sich Wünsche erfüllen. Ich habe derer drei. Als wäre das Ritual auf sie zugeschnitten.

Zurück in unserer Bleibe wird das Weihnachtsmahl aufgewartet. Die Suppe ist mit Quinoa angereichert. Das hochwertige Lebensmittel wird ähnlich der Kartoffel seit Urzeiten von den Inselbewohnern auf terrassierten Feldern angebaut. Der Reis wird mit einer bunten Gemüsesauce serviert. Dazu wird Tee mit den Blättern der muña gereicht. Es ist ein einfaches und köstliches Mahl an Heiligabend. Im Anschluss packt man uns in traditionelle Kleider für einen Folklore-Abend. Über meine Jeans stülpe ich den orangen, weitschwingenden Wollrock, über meinen Pullover die hübsch-bestickte, weiße Bluse. Zu guter Letzt schützt ein besticktes, schwarzes Stofftuch vor der Kälte. In der volkstümlichen Aufmachung spazieren wir zum Festsaal und mischen uns unter das Volk. Es wird ausgelassen getanzt.

Die Fiesta nimmt ihren Fortgang an der Plaza de Armas. Meine Freunde trinken Bier. Musik dringt aus dem Radiogerät. Ich scheine als einzige beharrlich an der Flasche Wasser zu nippen und mich zum Takt zu bewegen. Juan gesellt sich zu mir und unterstützt meinen Tanz. Die Nacht ist sternklar. Der Mond leuchtet hell und verschwindet ein ums andere Mal hinter einmal Nebelstreif. Kim und Isabella treten die Heimreise an. Es beginnt zu regnen. Wir flüchten unter die Arkaden eines Gebäudes.

Um Mitternacht wünschen wir allen Feliz Navidad, umarmen einander und sehen zwei vom Regen durchtränkte Gestalten auf uns zukommen. Kim und Isabella waren durch die Nacht geirrt und vom Weg abgekommen. Dinel meint, den Pfad nach Hause zu kennen. Wir waten durch die regennassen Straßen und stellen fest, alle Gassen gleichen einander. Die Abzweigung, die wir nehmen, führt uns durch sumpfigen Morast. Ich leide, wenn ich an mein Schuhwerk denke.

Das Haus, in dem noch Licht brennt, bringt die Rettung. Jemand will helfen, gegen Entgelt zu vorgerückter Stunde das Haus von Elias zu finden. Wir gehen lange und machen kehrt, als sich das gefundene Domizil als unbekannt entpuppt. Die gute Energie der Weihnacht scheint zu schwinden. Es regnet unablässig. Die Kälte kriecht durch alle Schichten der Bekleidung und streift die nackte Haut. Mich fröstelt.

Nach ewigen Zeiten finden wir den Ort unseres Zuhauses. Nestor hat sich Sorgen gemacht. Er hat die ganze Zeit über gewacht und gewartet, bis die verloren geglaubte Schar wieder aufgetaucht ist. Wir sind alle erleichtert, unsere Herberge gefunden zu haben. Eilig wickle ich mich in eine meterdicke Schicht aus schweren, aber wärmenden Decken und entgleite in eine friedvolle WeihNacht.

Am Morgen dringt warmes Licht durch die beiden Fenster im Schlafzimmer. Im Innenhof des Hauses werden Knallkörper gezündet. Der kleine Edson heißt den Christtag willkommen.

Ungern verlasse ich die warme Schlafstatt. Anila und Elias backen Panqueque am offenen Feuer und servieren die Omletts mit Butter, Marmelade und heißem muña Tee. Es ist ein wunderbares Frühstück in seliger Runde zum Fest des Friedens. Unsere Muttersprachen unterscheiden sich grundlegend, doch könnte die Symbolkraft an Weihnachten nicht stärker sein. Dankbar nehmen wir Abschied von der reizenden Familie. Der Großvater begleitet uns zum Bootsanlegeplatz, wo die Frauen der Insel in bunten Röcken mit einem musikalischen Reigen zum Gruß winken.

Sie wird mir unvergesslich bleiben, diese Weihnacht im Jahr 2012. Einfachheit, Verbundenheit und Freude mit Menschen aus aller Welt zu teilen, war für mich ein wahrer Ausdruck von Liebe zum Fest des Friedens.

 

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