Das Leben ist schön

Eine Weihnachtsgeschichte von Diana Winkler, 32 Jahre
© Christin Lola - Fotolia.com

Ich gehe zum Fenster, streiche sanft über das Fell meines Katers und schaue durchs Fenster auf die verschneite Straße. Es ist dunkel. Häuser erstrahlen im Licht der vielen bunten Lichterketten, und es ist eine ungewöhnliche Stille. Bald ist Heiligabend. Ich halte inne, gehe ins Wohnzimmer, schalte den Fernseher ein, zappe mich durch die TV-Kanäle. Familiensendungen, Weihnachtsmusik, Kochsendungen. Ich werde traurig. Denke zurück an jene Zeit und begebe mich an diesen Ort, wo einst die Familie noch zusammen war. Wie ich mit meiner Oma zusammen den Christstollen gebacken und Plätzchen ausgestochen habe. Wie mein Vater den Weihnachtsbraten vorbereitet hat. Der Duft von früher stieg vor mir förmlich empor. Und ich war einige Minuten komplett weggetreten, doch es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Auf einmal zogen all die Jahre an mir vorbei wie ein einziger Film. Ich bin mit meiner Oma und meinem Vater groß geworden. Meine Mutter hatte sich nie um mich gekümmert. Zu meiner Oma habe ich Mama gesagt, weil ich es nicht anders kannte und sie mich groß gezogen hat in voller Liebe. Mein Vater war die meiste Zeit berufstätig. Und durch seinen Beruf als Architekt im gesamten Bundesland unterwegs. Aber wenn er heim kam, dann war er überglücklich, Zuhause zu sein. Mir hat es an nichts gefehlt. Viele meiner Freundinnen kamen gerne zum Essen vorbei zur Schulzeit. Meine Oma hatte extra mehr gekocht und sich gefreut, wenn sie andere glücklich machen konnte. Später spielten wir, das war unser Ritual, jeden Abend ein Brettspiel. Es wurde zusammen gelacht, geweint, gefeiert ...

Bis zu jenem Tag, als mein Vater die Diagnose Krebs bekam. Schock! "Sie haben nur noch ein halbes Jahr zu leben", hieß es. Gehirntumor! Zahlreiche Krankenhäuser, Kuren und zuletzt dann Zuhause. Ich erkannte meinen Vater äußerlich nicht wieder. Was ist aus jenem Menschen geworden? Wenig später: wieder Krankenhaus. Das letzte Mal . Er verstarb! Zu viele Metastasen. Meine Oma fiel in ein Loch. Ihr geliebter Sohn. So jung verstorben.

Manchmal wurde ich wach, weil ich nachts ein Schluchzen hörte. Es war Oma. Unzählige Bilder meines Vaters auf dem Wohnzimmertisch verteilt und eine einzelne Kerze. Ich ging zu ihr, wusste, ich musste stark sein und meine Trauer wegstecken. Ich nahm sie in den Arm und sagte "Alles wird gut". Ich ging ins Bett, zog die Decke über meinen Kopf und schlief mit feuchten Augen ein. Diese Situation fand ich noch sehr oft vor. Es hat mich zerrissen!

Es verging einige Zeit, Jahre und alles hatte sich neutralisiert nach und nach. Der Alltag kehrte zurück. Eines Tages gingen Oma und ich spazieren, sie bekam ein Stechen und fing an, sich zum Boden zu krümmen und sagte, sie spürte, dass sie sterben würde. Ich konnte es nicht glauben. Darauf wurde Sie ins Krankenhaus gefahren. Es war Wochenende. Oma lächelte mich an, ihre Augen erzählten mir in dieser Minute, in der sie mich ansah, so viel und sie fragte mich mit einem tiefen Blick ein allerletztes Mal, ob es mir gut gehe. Wenn ich gewusst hätte: Es sind ihre letzten Stunden gewesen ... Ihr ginge es gut, und sie wollten sie nur zur Vorsorge dort behalten, hieß es. Keine schlimme, ernsthafte Situation. Ich hatte noch wichtige Dinge zu erledigen.

Am Montagmorgen kam ich zurück und ging ins Krankenhaus mit einem großen Blumenstrauß. Voller Freude machte ich die Tür des Krankenzimmers auf und sah nur ein leeres, gemachtes Bett. Das Zimmer leer. Ich war erstaunt und erkundigte mich nach meiner geliebten Oma. Ich sollte mich setzen, hieß es und Schwestern gaben mir ohne Aufforderung beruhigende Medikamente und einen Stuhl. "Ihre Oma ist letzte Nacht eingeschlafen"- Schock!

Es vergingen Wochen, Monate, Jahre. Ich hatte mich daran gewöhnt, alleine zu sein, ohne Familie. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Viele liebe Menschen, die man so mit der Zeit kennenlernt, lernt man neu zu schätzen und die Dinge mit anderen Augen positiv zu betrachten ... Aber da gibt es diesen einen ganz besonderen Tag im Jahr, an dem man üblicherweise mit der Familie zusammensitzt, der mich sehr sentimental werden lässt und an dem ich ganz starke Sehnsucht verspüre.

Mittlerweile steht wieder Weihnachten vor der Tür. Ich kam vom Einkauf und fuhr auf meinen Einstellplatz. Die Gedanken noch halb bei der Arbeit, fielen mir jedoch zwei fremde Personen vor meiner Haustür auf. Ein Mann und eine Frau sahen sich fragend um und schauten in meine Wohnungsfenster. Ich war misstrauisch, stieg aus und fragte, wie ich helfen könne. Dieser Augenblick veränderte alles!

Sie fragten nach einer Frau Winkler "Ja, das bin ich! Warum?“ "Hieß ihr Vater mit komplettem Namen Wolfgang Reinhold Winkler und war in Bückeburg geboren? Jaaa??“ - "Woher wissen Sie … und wie kommen sie an die Daten?" antwortete ich stockend. (Diesen Wortwechsel werde ich im Leben nicht vergessen.)

Die Frau zeigte auf den jungen Mann neben ihr und erwiderte: "Dann ist dies hier ihr Bruder."  „Ich habe keinen Bruder!“, stotterte ich. Aber es stimmte doch. Ich habe wahrhaftig einen Halbbruder, von dem ich nie wusste, der mich all die Jahre gesucht hatte, da er selbst auch spät von mir erfahren hat. Mich umgab eine Wärme, unbeschreiblich! Diesmal war es ein positiver Schock.

Sehr lange noch bis spät in die Nacht erzählten, lachten und weinten wir gemeinsam. Sogar meine zwei Neffen habe ich an diesem Tag noch kennengelernt. Sie sind wunderbar. Jetzt habe ich Familie, wenn auch im über 2000 Kilometer weit entfernten Spanien, wir pflegen aber täglich den Kontakt. Und dieses Weihnachten 2013 wird für mich etwas Unvergessliches in meinem ganzen Leben! Ein komplett neues Leben beginnt! Ich bin zum ersten Mal wieder im Kreise "meiner Familie" und das im wunderschönen Spanien.

Wenn im Leben Türen zugehen, gibt es stets neue Türen, die sich öffnen.

Man sollte das Leben positiv betrachten, so schwer es auch gerade sein mag.

Das Leben ist schön!

 

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