Meine "Geschichte"

Eine Weihnachtsgeschichte von Anna Kamke, 25 Jahre
Foto: Fotolia (S.Kobold)

Mir war kalt. Mir war damals immer kalt. Meine Hände verfärbten sich fleckig rot und prickelten schmerzhaft, als ich sie über das Kaminfeuer hielt, Zentimeter befanden sich zwischen den Flammen und meinen Fingern. Ich spürte nur das Brennen. Und die Kälte tief in meinem Inneren. Mein Blick wanderte zu meiner kleinen Schwester, die am Esstisch saß und lernte. Selbst am Heiligen Abend konnte sie es nicht lassen. Am Tag zuvor war meine ältere Schwester abgehauen. Sie war damals siebzehn oder sechzehn gewesen, ich bin mir nicht sicher. Meine Mutter war außer sich, ihre rot geäderten Augen zeugten von einer schlaflosen Nacht. Ich empfand gegen meinen Willen Mitleid, obwohl ich mir dieses Gefühl seit Jahren verboten hatte. Jener Winter war erbarmungslos kalt, das Thermometer reichte nicht so weit, wie die Temperaturen fielen.

„Das hat man davon, undankbares Pack“, sagte meine Mutter und ihre Stimme schnitt durch die Stille wie rostiges Eisen. Ich sackte noch ein wenig mehr in mich zusammen. Wie hatte ich gehofft, sie würde nicht meiner Schwester und mir die Schuld geben an allem, was passiert war. Ich hasste meine ältere Schwester in dem Moment für das, was sie uns mit ihrem Verschwinden angetan hatte. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Jasmin im Lernen innehielt, ihr Blick jedoch blieb weiterhin auf ihren Lernunterlagen. Mir schwindelte es vor Angst, ich hatte das Gefühl, die Besinnung zu verlieren, wenn ich mich nicht bald hinsetzen würde.

„Verschwindet doch zu eurem Vater, ich will euch nie wieder sehen. Packt eure Sachen und geht!“ Die letzten Worte hatte sie gebrüllt. Jasmin begann zu weinen. „Mami bitte, bitte...“

„Verschwindet!“, schrie die Frau, die sich unsere Mutter nannte und stürmte aus der Küche.

Jasmin weinte leise vor sich hin. Wortlos legte ich ihr den Arm um die Schultern. Mit einer leichten Anwandlung von Eifersucht spürte ich dabei ihre hervorragenden Knochen. „Was machen wir denn jetzt?“, flüsterte sie. Ich schwieg. Es war nicht das erste Mal, dass wir uns in einer solchen Situation wiederfanden.

Das Telefon läutete und unterbrach unsere Gedankengänge. Ich hob ab. „Ja bitte?“ Mein Mund war trocken. Mutter kam mit verheulten Augen durch die Küchentür. „Opa“, sagte ich tonlos und reichte ihr den Hörer.

Ich wusste, was kommen würde. „Alles opfert man für die Kinder und muss dann rausfinden, dass man in der Erziehung gescheitert ist. Ja, gescheitert! Verwöhnt und respektlos, genau wie der Kindsvater.“ Als wären wir nicht im Raum. Am Ende des Gesprächs lachte sie bitter und legte auf. „Also habt ihr euch was überlegt?“, fragte sie und sah dabei mich an. Ich bemühte mich, ihrem Blick standzuhalten. „Wir würden gerne bleiben.“ Jahrelange Wiederholungen hatten diesem einen Satz eine Monotonie verliehen, die zumindest in meinen Ohren nicht zu überhören war und schwer in der Luft lag. „Es tut uns leid, wir wollen doch mit dir Weihnachten feiern“, fügte ich hinzu und strich meiner Mutter über das ergraute Haar. Es war reiner Automatismus. Jasmin wiederholte weinend meine Worte. Ich war ihr dankbar, weil sie meiner Aussage im Nachhinein eine Glaubwürdigkeit verliehen hatte, die ich nicht mehr bieten konnte.

Irgendwann!, dachte ich und in mir loderte die kleine Flamme des Hasses hoch, die im Laufe der Jahre immer wüster geworden war. Noch war die Angst zu übermächtig. Ich bezweifelte, dass es jemals anders werden könnte. Undenkbar. Allein daran zu denken, war undenkbar. Und doch dachte ich es an diesem Tag als ich Jasmins Tränen sah und ihre Verzweiflung, ihren ausgemergelten Körper, der so zerbrechlich aussah, dass es mir innerlich weh tat, sie anzusehen.

Mutter beruhigte sich, ihre Wut wandelte sich in herablassende Genugtuung, in der sie sich sinnlich sonnte. Wenigstens schien die Sonne an diesem Tag nicht. Ich hätte sie nicht ertragen.

Wir schmückten gemeinsam den Christbaum, den Mutter schon zwei Wochen zuvor aus dem benachbarten Wald geholt hatte, deckten den Tisch, schnitten Gemüse für das Abendmahl und hörten dabei Tracy Chapman.

Das Verschwinden von Lydia stand weiterhin im Raum wie eine unbeantwortete Frage, aber selbst Mutter war inzwischen wohl klar geworden, dass sie zumindest momentan nichts daran ändern konnte, denn Lydia weigerte sich beharrlich heimzukehren. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es noch über zwei Jahre dauern würde, bis ich sie das nächste Mal sehen würde. Es wäre mir wohl auch gleichgültig gewesen, mein Verhältnis zu ihr war damals an einem Tiefpunkt angelangt. Sollte sie doch abhauen, da hat Mutter wenigstens einen Grund weniger, sich über Jasmin und mich herzumachen wie das Raubtier, als welches wir sie wahrnahmen. SIE, nannten wir sie insgeheim, stets flüsternd, aus Angst, SIE könnte es hören.

Die Kerzen am Christbaum zauberten Schattengnome an die Wände des Wohnzimmers, und zu meinem Erstaunen konnte ich dem trotz Allem ein gewisses Gefühl des Trostes abgewinnen. Vielleicht gab es da oben ja doch irgendwen, der Ausschau nach uns, der schützend seine Hand über uns hielt. Weihnachten ist die einzige Zeit im Jahr, in der ich mich zu solchen Gedanken hinreißen lasse.

Meine Mutter häufte dem Unsichtbaren Gast Essen auf den Teller, während Lydia mir dabei half, mein Essen auf ihren Teller zu stapeln. Das restliche Mahl ließ ich in meinem Saftglas verschwinden. Essen konnte ich auch morgen.

Meine Mutter lächelte uns an, wir lächelten zaghaft zurück, und es war aufrichtige Wärme in diesem Lächeln. Es ist nicht alles schwarz und weiß. Lydia verschwand auf der Toilette, zweifellos, um ihr und mein Essen zu erbrechen und Platz für das Schokoladefondue zu schaffen, ich entschuldigte mich und verschwand in unser gemeinsames Zimmer im ersten Stock.

Dort brannten drei Teelichter, die wohl Mutter angezündet haben musste, ich beobachtete einen skeletthaften Schemen, der geisterhaft über die Wand glitt und am eiskalten Boden zusammensackte. Mir ist so kalt. Ich holte das Messer, das ich unter einer meiner vielen Kleidungsschichten versteckt hatte hervor und betrachtete den Kerzenschein, der sich darin spiegelte. Stille Nacht, sang ich leise und stieß das Messer mit Wucht in die Matratze meines Bettes. Ich dachte an meine Schwester, die ich niemals allein mit IHR zurücklassen könnte und schwor mir, dieses wäre das letzte Mal gewesen, dass ich schwieg. Und so war es dann auch.

 

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