Der leere Platz am Weihnachtstisch

Eine Weihnachtsgeschichte von Brigitta Buszinski, 20 Jahre
© Brigitte Bonaposta - Fotolia.com

Die Geschichte, die ich erzähle, ist nicht meine; sie steht jedoch nicht weit davon, meine zu sein.

Es ist die Erzählung eines besonderen Weihnachtsfestes, wie es meine Mutter vor rund zwanzig Jahren erlebt hat. Sie fängt diese Geschichte immer mit den Worten an: „Es war der schönste Heiligabend, den man sich nur denken kann. Aber ich wusste, dass er nicht perfekt war.“

Sie suchte lange nach dem Fehler im Bild. Das große Wohnzimmer ihrer Großeltern, mit den hineingestellten Bänken und Stühlen war prächtig dekoriert; und jeder einzelne ihrer Verwandten saß genau richtig auf seinem vorgesehenen Platz. Wie jedes Jahr wurde laut gelacht und genüsslich gegessen. Dennoch wurmte sie der Gesamteindruck. Aber was genau falsch war, fiel ihr erst auf, als ihr Großvater die Tür zur Küche auf stieß, in den Raum kam, und sich auf seinen Stuhl setzte.

„Meine Großmutter war nicht da“, erzählt meine Mutter, „Ich stand auf und ging zu meinem Großvater und er meinte nur, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt, dass sie gestorben sei. Und dass sie mir ausrichten lasse, dass sie sich auf ihren ersten Urenkel freut.“

Das war der Augenblick, in dem dieser Weihnachtsabend ein Stückchen zu meiner Geschichte wurde. Denn zwar war dieses sonderbare Fest nur ein Traum, so legte dieser Traum dennoch den ersten Stein für mein angehendes Leben.

Ich war schon seit einer Weile präsent, aber nicht wirklich anerkannt. Ob ich leben sollte oder nicht, war eine Frage, die bis dahin in der Schwebe hing. Schließlich waren meine Eltern arm, unverheiratet und jung.

„Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wusste ich, dass etwas mit ihr passiert sein musste“, setzt meine Mutter für gewöhnlich fort, „Deswegen rannte ich an dem Morgen, noch bevor ich etwas anderes tat, zum Telefon und rief sie an.“

Es hob jedoch mein Urgroßvater den Hörer ab, und das auch mit den traurigen Worten:

„Großmutter ist tot.“

Meine Urgroßmutter starb in dieser geträumten Weihnachtsnacht also tatsächlich.

Das war der Zündfunke, den meine Mutter brauchte, um trotz ihres jungen Alters von neunzehn Jahren die Worte meiner Urgroßmutter zu beherzigen, und ihrem Großvater endlich mit gutem Gewissen mitteilen zu können:

„Ich bin schwanger.“

Das einzige, was meine Mutter bis zum heutigen Tag bereut, so erzählt sie mir immer, ist die Tatsache, dass sie es ihrer Großmutter hat nie erzählen können; dass sie nicht wusste, welchen gewaltigen Einfluss ihre letzten Worte auf das Leben meiner Eltern gehabt hatten. Und was für ein Glück ich hatte. Sonst wäre ich niemals geboren worden. Und zwar kenne ich sie nicht, so bin ich meiner Urgroßmutter doch jedes Mal, wenn ich diese Geschichte höre, immer aufs Neue dankbar.

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