Die Krippe an Ostern

Eine Weihnachtsgeschichte von Ines Schabelski-Simperl, 54 Jahre
Foto: © Alexander Hoffmann | Fotolia

„Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen“, bemerkte Goethe einst ironisch und ahnte nicht, dass einmal die Frage zu klären wäre, wann  Weihnachten am besten wäre. Zur großen Überraschung fällt das Fest auch in diesem Jahr  wieder auf den 24. Dezember, Heiliger Abend. Der Advent - auf den ich mich jedes Jahr freue - er ist ratzfatz vorbei. Dieses Jahr hat er faktisch nur 4 Wochen gedauert. Weihnachten kommt einfach immer zu früh. Vor lauter Arbeit, Veranstaltungen und Terminen, vor lauter „lass mich auch mit" - habe ich es wieder einmal nicht geschafft: mich innerlich auf Weihnachten vorzubereiten, mich für Weihnachten bereit zu machen, den Herrn „mit wachem Herzen gläubig zu erwarten" - wie es in einem Adventsgebet heißt. Ich möchte Sie beruhigen, wenn Sie es auch mal wieder nicht geschafft haben, das mit der inneren Vorbereitung und der frohen Erwartung. Ich frage mich nämlich: Liegt das nur an mir, an Ihnen? Oder liegt das vielleicht am Weihnachtsfest selbst?

Was wäre, wenn an Ostern ein paar Leute in die Kirche kommen und eine Krippe aufstellen? Wenn sie Maria und Josef dazustellen, das Jesuskind ins Stroh legen? Wenn sie auch die Hirten, Engel und Könige anschleppen? Eine Krippe an Ostern? Ich vermute, es würde Erstaunen geben, vielleicht Gelächter, möglicherweise aber auch Ärger. Schließlich gehört die Krippe zu Weihnachten. An Ostern hat sie nichts verloren. Dabei wäre es gar nicht so falsch, auch in der Osterzeit eine Weihnachtskrippe aufzustellen. Warum? Wir hätten mehr Zeit. Die Theologin Marlies Giehlen bringt das auf den Punkt. Sie sagt: „Die Weihnachtskerzen werden am Osterfeuer entzündet." Eine merkwürdige Behauptung?

Aber eine Spurensuche in der Bibel führt da weiter. Als die ersten Christen ihre Erinnerungen an Jesus zusammentragen, da ist von Weihnachten noch keine Rede. Die ersten Christen erzählen sich die Geschichte vom Leiden, vom Tod und von der Auferweckung Jesu weiter. So kennt der Evangelist Markus gar kein Weihnachten. Jesus tritt bei ihm als erwachsener Mann auf. Für Markus ist nicht sein Woher interessant, sondern einzig seine Botschaft vom nahen Reich Gottes.

Dass ich nie wirklich vorbereitet bin, sondern schließlich halt irgendwie hineinstolpere. So ähnlich war es doch schon beim ersten Mal, vor 2000 Jahren, als Jesus geboren wurde. Seit Jahrhunderten ist dieses Kind verheißen und erwartet. Und als es geboren wird, kommt es für alle ungeschickt, unerwartet. Ausgerechnet jetzt, wo alle mit der römischen Volkszählung beschäftigt sind, wie es in der biblischen Weihnachtsgeschichte steht. Und so unpassend unterwegs, in einer ärmlichen Unterkunft, in einem Stall bei Ochs und Esel und Schafen. 

Ich stelle mir vor: Wenn Gott gewartet hätte, bis wir wirklich auf sein Kommen vorbereitet sind, bis wir ihn wirklich froh und gläubig erwarten - dann müsste er womöglich heute noch warten.
Mich tröstet, mich entlastet, dass Gott  so ganz anders ist. Er kommt einfach wie ein lieber Besuch und klingelt an der Tür, auch wenn ich gerade gar nicht darauf eingestellt bin. Liebende kommen manchmal auf verrückte Ideen, um zu zeigen, wie sehr sie uns lieben. Der Gott der Liebe wird ein Mensch unter Menschen. So sehr sehnt er sich danach, uns nahe zu sein. Der Abstand zwischen dem ewigen, unbegreiflichen Gott und uns sterblichen Menschen - mag dieser Abstand auch noch so groß sein - in der Liebe ist er überwunden. In der Liebe kommt Gott auf Augenhöhe zu uns. Der starke Gott macht sich verletzlich wie ein Liebender, bedürftig wie ein Mensch, sterblich wie  jedes Geschöpf. 

Zum Glück oder besser Gott sei Dank wird es immer wieder Weihnachten - völlig unabhängig davon, ob es mir geschickt ist oder nicht. Der Mensch ist gut, nur die Terminbindungen sind schlecht.

 

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