Das Ende eines Traums

Eine Weihnachtsgeschichte von Franziska Fischer, 22 Jahre
© dubova - Fotolia.com

Versuche nicht, Dein komplettes Leben zu planen, denn es wird Dir nicht gelingen. Es wird immer etwas dazwischenkommen, mit dem Du nicht gerechnet hast und das Deinen Plan zunichtemacht. Und Du kannst nichts dagegen machen. Egal wie hart Du auch kämpfst.

Glaube mir, ich weiß wovon ich spreche, denn auch ich durfte diese schmerzhafte Erfahrung machen. Und zwar während der eigentlich schönsten Zeit im Jahr.

Der Weihnachtszeit, wenn sich alle Welt auf diesen einen Tag einstimmt.

Es war der 20.12.2011. Ein Tag, welchen ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Ungeduldig blättere ich in einer Zeitschrift. Ich lese Artikel, welche mich gar nicht interessieren, in der Hoffnung, dass so die Zeit schneller vergeht.

Immer wieder blicke ich zwischen den Zeilen auf und nehme die Uhr des kleinen Raumes ins Blickfeld.

Seit Monaten habe ich hart trainiert. Jeden Tag ging ich für mehrere Stunden ins Fitnessstudio. Ich stemmte Gewichte und lief auf dem Laufband. Nach dem Fitnessstudio ging es dann gleich weiter ins Schwimmbad, wo ich ein paar Bahnen schwamm und zu Hause wurde dann noch eine Runde mit dem Hund gejoggt.

Egal bei welchem Wetter. Sogar bei strömendem Regen oder eisigster Kälte schlüpfte ich in meine Laufschuhe, denn ich hatte ja ein klares Ziel vor Augen. Ein Ziel, welches von meinem Körper alles abverlangte.

Die Polizei.

Ich baute sogar die Stationen des Sporttestes in unserer Turnhalle nach, um bestens vorbereitet zu sein.

Nicht selten ging mir auch mal die Puste aus. Ich spürte die Anstrengung und den Schweiß auf meiner Haut, doch ich wusste, warum ich das alles über mich ergehen ließ.

Nach einer Zeit konnte mein Körper auch mehr einstecken, und so machte ich weiter. Auch das frühe Aufstehen fiel mir dank der Motivation nicht schwer.

Auch die Vorbereitungsbücher für den Einstellungstest waren nicht gerade billig. Und ehrgeizig wie ich nun mal bin, kaufte ich mir nicht nur eines. Nein ich kaufte sie mir alle, denn ich wollte vorbereitet sein. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen, denn ich wollte unbedingt bestehen. Unbedingt diesen Beruf ausüben.

Seit ich denken kann war es mein Traum und meinen Karriereweg hatte ich auch schon durchgeplant.

Und dann? Vor wenigen Tagen kam ein Schreiben. Es war von der Polizei. Gespannt öffnete ich den Brief, denn ich glaubte jetzt gleich meinen Prüfungstermin zu erhalten. Doch wie ich mit Entsetzen feststellen durfte, war dem nicht so.

Meine Augen weiteten sich beim Lesen der wenigen Zeilen. Polizeidienstuntauglich, immer und immer wieder schoss mir dieses eine Wort durch den Kopf, während mein Blick noch immer starr auf das Schreiben gerichtet war. Polizeidienstuntauglich.

Ein einzelnes, einfaches Wort, doch mit einer fatalen Folge. Aber warum? Ich verstand die Welt nicht mehr.

Wie konnten die mich untauglich stufen? Woher wollten die wissen, was bei mir nicht stimmte, ohne mich zu untersuchen. Lediglich meine Unterlagen und eine Kopie meiner Akte beim Hausarzt hatten sie erhalten.

Per Ferndiagnose, oder wie?

Was warfen sie mir denn nun vor, von dem ich nicht mal etwas wusste?

So las ich irritiert genauer weiter.

„Was zum…?“, fragte ich mich.

Femuropatellare Dysplasie Typ III mit Jägerhutpatella Typ IV nach Wiberg-Baumgartl.

Davon hatte ich noch nie zuvor etwas gehört. Sofort suchte ich im Internet nach Artikeln, um mich darüber zu informieren.

Was ich fand, irritierte mich jedoch noch viel mehr, denn ich war doch körperlich fit… und nun sollte ich eine Fehlstellung haben, die mich beeinträchtigte?

Gut, vor vielen Jahren sprang beim Fußball mal meine Kniescheibe heraus, aber man hatte mir versichert, dass alles in Ordnung sei.

Meinem Traumberuf sollte nichts im Wege stehen.

Und nun sollte das alles umsonst gewesen sein? Das konnte doch nicht sein. All diese Mühen. Das Geld, welches ich für Fitnessstudio, Proteindrinks, einen Diätplan, Schwimmbad und die Unterlagen für die Einstellungstests ausgegeben habe.

In dem Brief stand, dass ich dagegen vorgehen könnte, wenn ich wollte. Ich könne ein Ärztliches Attest vorlegen, welches die Vermutung wiederlegte. Mehr als eine Vermutung war es in meinen Augen auch nicht. Eine Vermutung durch die Angabe der Kniebandage in den Unterlagen.

Und wie ich dagegen vorgehen würde, um wieder ins Bewerbungsverfahren aufgenommen zu werden. Da war ich mir sicher, denn ich hatte ja keine Probleme. Konnte meine Knie sogar mit zusätzlichen Gewichten belasten.

An dem ganzen Zeug konnte also nichts Wahres dran sein.

 

Und wegen diesem Schreiben sitze ich jetzt hier im Wartezimmer meiner Orthopädin.

Eine Frau kommt herein, sie nennt meinen Namen und fordert mich auf, ihr zu folgen. Ich lege die Zeitung beiseite und folge ihr in ein Zimmer, wo ich gebeten werde, meine Hose und Metalle abzulegen, um anschließend geröntgt zu werden.

Nach dem Röntgen heißt es erneut warten.

Warten.

Und warten, bis man mich aus dem Wartezimmer in ein Behandlungszimmer holt. Auch dort vergehen Minuten, gefühlt wie Stunden.

Doch noch immer bin ich sicher, dass ich gleich eine gute Nachricht erhalten würde.

Die Türklinke wird nach unten gedrückt und die Tür öffnet sich. Kaum habe ich das Geräusch vernommen, blicke ich sofort hinüber.

Doch als sich mein Blick mit ihrem kreuzt, verblasst mein freundliches Lächeln schlagartig. Mein Herzschlag erhöht sich und ein seltsames Gefühl macht sich in meinem jungen Körper breit.

Nun bin ich mir nicht mehr so sicher, jetzt eine positive Nachricht zu erhalten. Und wie sich im Laufe des Gespräches herausstellt, sollte ich richtig liegen.

Die Untersuchung, welche ich aus eigener Tasche zahlen durfte, belegte das Schreiben der Polizei und widerlegte es nicht, wie gewünscht.

Es stimmte alles.

Ich hatte es nun Schwarz auf Weiß und mit Bildern.

Ich bin untauglich. Der Traum somit geplatzt und fast 200 Euro fürs Untersuchen umsonst ausgegeben.

Ungläubig sitze ich auf dem Stuhl und kämpfe mit den Tränen. Ich rühre mich kein Stück, während die Ärztin sich auf den Weg zum nächsten Patienten macht.

Es ist aus und vorbei.

Und jedes Jahr werde ich wieder daran erinnert. Die alten Wunden reißen auf und ich spüre den Schmerz von damals. Zwar ist er schwächer als damals, doch er wird nie komplett vergehen.

So ist es eben, wenn der Traum stirbt.

 

Diese Seite bewerten

  • Aktuelle Wertung: 5 von 5 Sternen
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Bewertung: 5/5 (4 Stimme/n)

Vielen Dank für Deine Bewertung!

Du hast bereits einmal gewertet, vielen Dank!

Deine Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Kommentare