Einsatz an Heiligabend

Eine Weihnachtsgeschichte von Michael Birkhan
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Zur Weihnachtszeit denke ich regelmäßig an einen Einsatz zurück, der sich vor vielen Jahren ereignete. Als frisch ausgebildeter Polizeibeamter verrichtete ich am 24. Dezember Nachtdienst.

In dieser eisig kalten Nacht wurde zu später Stunde über Funk eine Fahndung ausgestrahlt.

Eine verzweifelte Frau wollte in Selbsttötungsabsicht von einer Brücke springen. Ein Passant konnte sie im letzten Moment zurück halten. Die mit einem Brotmesser bewaffnete Betroffene flüchtete anschließend in ein Waldstück.

Sämtliche zur Verfügung stehenden Funkstreifenwagen und Fußstreifen schalteten sich in die Suchmaßnahmen ein.

Im einsetzenden Schneeregen lief ich allein durch den schlecht beleuchteten Park. Der Weg gabelte sich. Wo könnte sie sein?

Plötzlich hörte ich Geräusche. Das Knacken der Äste wiederholte sich. Ich verließ den Weg und folgte dem Geräusch. Der Lichtkegel der Taschenlampe erfasste eine zierliche Frau. Sie stockte und wich verängstigt zurück. Die Beschreibung  des Funksprechers passte detailliert.  Mit beiden Händen umklammerte sie den Griff eines langen Brotmessers. Die Klinge drückte sich die Frau gegen ihren Kehlkopf.

Am Unterarm und ihren Händen befanden sich frische Schnittwunden.

Die kurzen Haare waren zerzaust und die Bekleidung der schlanken Frau war unscheinbar und mindestens zwei Nummern zu groß. Ungeschminkt, zitternd, und verzweifelt sah sie mich an. Vorgebeugt und eingefallen stand sie da. Es schien, als versuchte sie sich unsichtbar zu machen.

Mit zitternder Stimme rief sie:

„Wenn sie näher kommen, steche ich zu. Auch wenn sie über Funk jemanden rufen werde ich mich töten. Bitte gehen sie. Ich kann und will so nicht weiterleben.“

Mir stockte der Atem. Erstmalig wurde ich als „Frischling“ mit einer derartigen Situation konfrontiert. Eigentlich hätte ich eine Lagemeldung abgeben  und Unterstützungskräfte, Rettungswagen, Psychologen anfordern müssen.

Aber was wäre gewesen, wenn die Verzweifelte ihre Drohung in die Tat umgesetzt hätte?

Der Funkverkehr irritierte die Frau. Panisch rief die Verängstigte:

„Verschwinden Sie endlich. Gehen Sie, sonst töte ich mich.“

Ich schaltete das Funkgerät aus und versuchte die Frau zu beruhigen.

Mein Puls raste. Zögernd ließ sie sich auf ein Gespräch ein. Die Messerspitze drückte sie immer noch gegen ihren Kehlkopf. Langsam schien die Frau Vertrauen zu fassen. Nach und nach schilderte sie mir, welche Umstände sie in ihre verzweifelte Lage gebracht hatten.

Sie erzählte von jahrelangem sexuellem Missbrauch durch den eigenen Vater. Die Mutter hatte die Augen vor dem Martyrium ihrer Tochter geschlossen. Als sich die damals Minderjährige offenbarte, wurde sie von der Familie verstoßen. Die Geschwister glaubten ihrer Schwester nicht und brachen den Kontakt zu ihr ab. Vom Vater in der Folgezeit unter Druck gesetzt, warf die Frau ihre Ausbildung hin. Sie flüchtete in die Arme eines Alkoholikers. Das „geborene Opfer“ wurde von der „Liebe ihres Lebens“ regelmäßig beleidigt, gedemütigt und geschlagen. Es folgten zwei Suizidversuche und diverse Krankenhausaufenthalte. Dann fand sie endlich einen liebevollen Partner. Doch das Erlebte konnte die Frau trotzdem nicht verkraften. Nun stand sie mir am Heiligen Abend mit dem Messer am eigenen Hals gegenüber. 

Ich hatte ihr überwiegend nur zugehört und sie zum Sprechen animiert. Was sollte ich Grünschnabel der dreizehn Jahre älteren, am Boden zerstörten Frau erzählen?

Professionelle Hilfe lehnte sie kategorisch ab. Während Ihrer Schilderungen brach sie wiederholt in Tränen aus.

Meine Gesprächspartnerin war für die Jahreszeit viel zu dünn bekleidet. Sie zitterte und blickte mich mit großen Augen an. Ich weiß nicht wie lange wir im Schneeregen standen und miteinander redeten. Schließlich händigte mir die Frau zögernd das Brotmesser aus und folgte mir bereitwillig. Ich schaltete das Funkgerät wieder ein und gab eine Lagemeldung ab.

Ich zog meine Jacke aus und hängte sie der frierenden Frau um die Schultern.

Sie blickte mich mit verweinten Augen an und lächelte zaghaft.

Die Frau wurde in ein Krankenhaus eingewiesen. Eine „Vorläufige Unterbringung nach dem PsychKG“ hieß es nüchtern im Amtsdeutsch. Unmittelbar vor der Abfahrt fragte sie mich - fast flehend - ob ich sie nicht begleiten könnte. Gern hätte ich ihr geholfen, aber wie sollte ein Laie wie ich ihr helfen?

Ich musste danach lange an ihre traurigen Augen denken.

Ein älterer Kollege nahm mich damals zur Seite. An seine Worte kann ich mich noch gut erinnern.

„Du wirst in diesem Beruf noch mit unzähligen belastenden Facetten des Lebens konfrontiert werden.

Bahn-, Brand-, Kinderleichen, Misshandlungen, Not, Hass und exzessive Gewalt. Du darfst diese Dinge nicht zu sehr an dich heranlassen, sonst endest du als seelisches Wrack. Viele Kollegen werden mit den Bildern im Kopf nicht fertig. Scheidungen, Alkoholmissbrauch, Suizide sind in unserem Berufsstand häufig vertreten. Bewahre dir eine innere Distanz, sonst gehst Du vor die Hunde.“

Nachdenklich erwiderte ich:

„Wenn wir kein Mitgefühl mehr empfinden und sämtliche Emotionen unterdrücken, sind wir dann noch Menschen?“

Der Kollege lächelte wohlwollend. Er ergänzte: „Das ist wahr.  Auf die richtige Balance kommt es an. Diese Mischung musst du für dich selbst finden. Dabei kann dir niemand helfen.“

Über die Festtage musste ich oft an die Frau denken.

Als ich Anfang Januar die Dienststelle betrat, lag ein Brief in meinem  Fach. Er stammte von der jungen Frau.

In rührenden Zeilen bedankte sie sich bei mir für den geleisteten Beistand.

Ich musste mehrfach schlucken.

Sie  teilte mir ferner mit, dass sich ihre Lebenssituation inzwischen deutlich gebessert hatte. Eine Psychologin fand den richtigen Zugang. Sogar mit ihren Schwester bestand wieder  loser Kontakt. Es stellte sich heraus, dass ein weiteres Mädchen aus der Familie vom Vater sexuell missbraucht worden war.

Ich hoffe, dass die Schwestern ihren inneren Frieden gefunden haben und ihn bewahren. Vergessen werden die Opfer ihre traumatischen Erlebnisse nie – aber vielleicht lernen sie damit zu leben.

Unsere Wege kreuzten sich nie wieder. Der Brief dieser Frau berührt mich noch heute. Ihre gefühlvollen Zeilen haben mir damals dabei geholfen meine Balance zu finden.

Vermutlich wird dieses „Weihnachtserlebnis“ für zwei Menschen unvergesslich bleiben.

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