Der blaue Schal

Eine Weihnachtsgeschichte von aha, 49 Jahre
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18 Uhr. Ich war spät dran. In einer halben Stunde begann mein Gitarrenunterricht, das letzte Mal in diesem Jahr. Aber dass Papa mich angerufen hatte, kam ja nun auch nicht täglich vor. Wie fröhlich er am Telefon klang und dazu noch die Ankündigung, dass er mich morgen Abend zum Essen ausführen wollte… Ja, ich freute mich darauf. Da musste der Gitarrenkurs eben ein paar Minuten auf mich warten.

Noch fünf Tage bis Heiligabend: Mein Weg zur Musikschule wurde von funkelnden Lichtern begleitet und in Gedanken überlegte ich mir eine Auswahl von Restaurants, in die ich gern mit meinem Vater gehen würde. Am liebsten wäre mir Don Antonio, der Kellner gefiel mir so gut, da er Ähnlichkeit mit meinem Vater hatte, nur deutlich jünger. Beim letzten Besuch hatte er mit Komplimenten nicht gespart und mir auch noch ein Glas Wein spendiert. Beschlossene Sache. Don Antonio war genau die richtige Adresse für mich und meinen alten Herrn.

Kurz vor Weihnachten einen Abend mit meinem Vater zu verbringen, war schon etwas Besonderes. Ich freute mich, ihn nicht mit meiner Mutter und meinen Geschwistern teilen zu müssen. Nein, an diesem Abend gehörte er mir ganz allein. Wir würden viel lachen, reden, uns amüsieren und wenn‘s die Stimmung hergab, noch zu Gerda gehen – eine kleine Bar, in der man auch tanzen konnte. Ach. wie wunderbar. Ich hatte doch einen einmaligen Vater – ein verrückter Gentleman mit Witz und Charme, der liebend gern mal seine Tochter ausführt.

Auf dem Rückweg von der Musikschule kam mir ein Rettungswagen mit Blaulicht entgegen. Trotz bester Stimmung zuckte ich zusammen. Die Vorstellung, dass unweit ein Mensch zu Schaden gekommen war, verursachte eine Gänsehaut. Ein Unfall etwa kann das Leben in Sekunden verändern und im schlimmsten Fall sogar auslöschen. Wie absurd es doch ist, zu denken, dass das Leben endlos sein könnte.

Carpe diem, genieße den Tag, so wollte ich durchs Leben gehen und besann mich wieder auf die weihnachtliche Atmosphäre und die Vorfreude auf den morgigen Abend. Bevor ich in meine Wohnung ging, kaufte ich noch ein paar eigentlich viel zu teure Pralinen. Eine kleine Aufmerksamkeit für Papa, der genau diese Sorte so sehr mochte. In der Wohnung angekommen packte ich gleich meine Gitarre aus, ich wollte dieses Jahr unter dem Tannenbaum ein Lied vortragen, dass noch ein wenig Übung vertrug. Versunken in meine Akkorde schreckte mich das Telefon auf. Mein erster Gedanke war, es zu ignorieren, aber die Neugierde siegte und schließlich griff ich dann doch zum Hörer.

„Guten Abend. Spreche ich mit Julia Petersen?“ „Ja“, antwortete ich. „Und mit wem habe ich das Vergnügen?“ „Mein Name ist Gustav Jensen von der Polizeidienststelle in Husum. Ich rufe von dem Apparat Ihrer Eltern an. Ich muss Ihnen mitteilen, dass ihr Vater heute einen tödlichen Verkehrsunfall hatte.“ Ich lachte. „Wie bitte?“, antwortete ich. „Das ist mit Sicherheit eine Verwechslung. Ich habe heute Abend noch mit meinem Vater telefoniert. Er führt mich morgen Abend zum Essen aus.“ „Frau Petersen. Ich gebe Ihnen kurz Ihre Mutter“, antwortete der Polizist. „Kommst du nach Hause?“, flüsterte eine von unsäglichem Schmerz gebrochene Stimme in den Hörer, der mir soeben nach und nach aus der Hand rutschte.

Ein eiserner Schlag traf meinen Körper mit voller Wucht und riss mir mein Inneres heraus. Ich schrie, taumelte, fiel hin und versuchte meinen Körper vor weiteren Schlägen zu schützen, doch es war hoffnungslos. Der virtuelle Angreifer rüstete auf und versetzte mir einen Schlag nach dem anderen. Unerträgliche Qual kroch in meinen Körper und breitete sich aus – wehrlos, hilflos, machtlos ertrug ich die ersten Stunden der Trauer.

So hatten wir uns Weihnachten nicht vorgestellt. Weinend saßen meine Mutter, meine Geschwister und ich unter dem Baum, unfähig uns über irgendetwas zu freuen. Das Loch, das der Tod von Papa gerissen hatte, schien so unendlich groß, dass ein ganzer Planet hätte hinein passen können. Statt Freude und Besinnlichkeit waren Trauer und Verzweiflung zu Gast. Nein, das war kein Weihnachten… Oder doch?

Ich entdeckte unter dem Baum eine Tüte, die bislang unbemerkt geblieben war. Und niemand wusste, wer sie dort hingelegt hatte. Trotz oder wegen meiner Trauer warf ich einen Blick hinein, was für eine Überraschung! In der Tüte war für jeden von uns ein Geschenk von meinem Vater, er musste diese wohl kurz vor seinem Unfall unter den Baum gelegt haben.

Völlig überwältigt packte einer nach dem anderen sein persönliches Geschenk von Papa aus. Er war plötzlich mitten unter uns, brachte uns durch seine Geschenke zum Staunen und zum Lachen. Ja, er schaffte es sogar, eine gewisse Leichtigkeit unter uns zu erzeugen. Ich war wie beseelt von dieser Stimmung. Für mich hatte er einen Schal ausgesucht, in meiner Lieblingsfarbe. Ein blauer kuscheliger Winterschal, der mich auch heute, 20 Jahre später, immer noch wärmt und beruhigt, wenn es draußen oder in mir fröstelt und stürmt.

18 Uhr. Ich bin spät dran. Nur noch fünf Tage bis Weihnachten und es fehlen noch ein paar Geschenke. Draußen liegt Schnee und ich schmücke mich mit meinem blauen Schal, passend zu meiner neuen Winterjacke.

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